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Umweltpädagogik





Begriffsklärungen
Grundlagen
Kulturgeschichte der Naturverfügung







BEGRIFFSKLÄRUNGEN  


Konjunktur zweier Begriffe


Begriffsklärungen zu "erneuerbar" und "nachhaltig" scheinen auf den ersten Blick nicht notwendig. Wir reden doch ständig davon. Unablässig erscheinen neue Publikationen, die sich mit den einschlägigen Themen befassen. Doch vergleicht man verschiedene Aussagen, zeigen sich widersprüchliche Auffassungen. Und überpüft man Aussagen auf ihren Sachgehalt, so tun sich Abgründe auf. Und zwar nicht nur in irgendwelchen gut- oder bösgemeinten Pamphleten, sondern in qualifizierten Publikationen. So schreibt etwa das Umweltministerium Baden-Württemberg auf einer Webseite zu erneuerbaren Energien: "Erneuerbare Energien haben eine zentrale gemeinsame Eigenschaft: Bei ihrer Nutzung werden keine fossilen Energieträger verbraucht und kein Kohlendioxid ausgestoßen." (Gesichtet am 19. November 2016) Nun werden aber z.B. beim Anbau, bei der Ernte und bei der Verarbeitung erneuerbarer Biomasse (Mais für Biogasanlagen etwa) jede Menge fossiler Energieträger verbraucht, zur Saatgutherstellung, zur Düngerherstellung, zur Pestizidherstellung, für Transporte etc.pp.. Nimmt man die Einschränkung "bei ihrer Nutzung" ganz wörtlich, ergibt sich die Nullaussage: "Bei der Nutzung nicht-fossiler Energieträger werden keine fossilen Energieträger genutzt." Und es ist geradezu absurd zu erklären, bei der Verbrennung von Holzpellets werde "kein Kohlendioxid ausgestoßen".

Je nach Blickwinkel kann man die Aussage des Umweltministeriums Baden-Württemberg als "Bullshit" (Harry G. Frankfurt) abtun oder nachsichtig darauf hinweisen, man wisse ja, was gemeint sei und die Ausführung diene einer guten Sache. Das "wissen, was gemeint sei" als Reklamation guter Absichten dürfte menschheitsgeschichtlich allerdings für mehr Unheil verantwortlich sein als unverhüllte böse Absicht. Im Namen der guten Sache "Nachhaltigkeit" wurden, etwa bei der Versorgung mit "gutem" Treibstoff für Autos, ungeheuerliche Fehler gemacht und Verbrechen gegen genau diese "gute Sache" begangen, mit Urwaldrodungen für Palmöl etwa. Beim Umgang mit erneuerbaren Energien, wo sich zahlreiche Interessen überlagern und Naturwissenschaft, Ingenieursleistung, Wirtschaft, Politik und Ökologie gleichermaßen betroffen sind, müssen wir uns daher in besonderer Weise um begriffliche und sachliche Klarheit und Aufrichtigkeit bemühen.

Vor allem muss entschieden korrigiert werden, wenn die Begriffe als Synonyme auftauchen. Nachfolgend behandle ich auch das weitere Begriffsfeld, wozu "regenerativ" als echtes Synonym für "erneuerbar" gehört, aber auch Begriffe mit weiterem Abstand wie "alternativ", "klimaneutral" und "sauber" sowie Gegenbegriffe wie "konventionell" und "fossil".




Erneuerbar und nachhaltig? Erneuerbar oder nachhaltig?


Unausgesprochen gilt, dass "erneuerbar" gleichbedeutend mit "nachhaltig" sei. Dem ist allerdings nicht so, gerade im Energiebereich nicht. Es gibt erneuerbare Energien, die keineswegs per se nachhaltig sind, zumal nicht ohne besondere Aufmerksamkeit. Und es gibt, unter spezifischen Bedingungen, als nachhaltig einzustufende Bereitstellungen von Energien, die nicht erneuerbar sind.

Beide Begriffe sind Modebegriffe geworden und inzwischen weitgehend eines verlässlichen Inhaltes beraubt, zu leeren Signifikanten geworden, die ganz unterschiedliche Gruppen nach eigener Interessenlage im gleichen Kontext einsetzen. Daher fällt es auch nicht mehr auf, wenn sie bisweilen als Synonyme verwendet werden.

Vergewissen wir uns zunächst des Gehaltes, den "erneuerbar" sinnvoll haben kann. Es geht um Ressourcen, die immer wieder neu entstehen können, wenn sie verbraucht sind. Wobei diese Erneuerung in einem überschaubaren Zeitraum geschehen muss. Kohle etwa kann auch neu aus abgelagertem organischem Material entstehen - allerdings in einem Zeitraum von mehreren Millionen Jahren und unter spezifischen Bedingungen. Niemand würde hier von "erneuerbar" sprechen. Wie aber steht es um den hundertjährigen Baum, den wir als "erneuerbaren Energieträger" fällen? Um erneuert zu sein, benötigt er bzw. sein Nachfolger/sein Neuaustrieb hundert Jahre. "Erneuerbar" bezieht sich daher in sinnvoller Weise nur auf Holz allgemein - und dies im Kontext einer nachhaltigen Waldnutzung.

Ähnliches gilt für "nachhaltig", das gleichfalls Summenphänomene auszeichnet - wobei diese Phänomene nicht dinglich verstanden sind, sondern prozesshaft, im Blick auf Verfahrensweisen. Nicht ein Wald kann nachhaltig sein, sondern lediglich der Umgang mit ihm, die Bewirtschaftung - auch wenn sinnvoll kommunizierbar ist, was unter einem "nachhaltigen Wald" zu verstehen ist. Alleine schon kategorial ist es daher nicht legitim, die beiden Begriffe als Synonyme zu behandeln. Im Bedeutungskern meint "nachhaltig" auf Dauer angelegt und dauerhaft aufrecht zu erhalten. Ist von einer "nachhaltigen Wurst" die Rede, so meint man damit im hier interessierenden Sprachgebrauch eine Wurst, deren Produktions-, Distributions- und Konsumptionsweise den Kriterien einer nachhaltigen Wirtschaftsform genügen. Im Alltagsgebrauch wäre ein nachhaltiges Essen allerdings lediglich eines, das nicht nur für einen kurzen Moment sättigt, sondern auf mehrere Stunden.

Holz als erneuerbarer Energieträger ist nicht per se nachhaltig. Wird das Holz etwa in veralteten Heizanlagen ohne Feinstaubfilter verbrannt, ist es keineswegs nachhaltig, da auf Dauer so nicht mit ihm geheizt werden kann, ohne die Lebensbedingungen am betreffenden Ort drastisch zu verschlechtern. Nicht nachhaltig ist auch Feuerholz, das aus einem Kahlschlag stammt und auf einem langen Transportweg zu uns kommt. Es ist grundsätzlich strittig, ob die Nutzung von Holz, das als Brennholz geschlagen wird, nachhaltig sei angesichts des Ernteaufwandes, der Lager- und Transportkosten und der Verbrennungsrückstände. Da kann der Einsatz von Heizöl unter bestimmten Umständen eher den Kriterien nachhaltigen Wirtschaftens entsprechen - etwa wenn die Vorräte, aus denen es stammt, über Risse im Untergrund in das Grundwasser einsickern könnten und davor abgepumpt und verbraucht werden sollen. Erdgas nicht zu nutzen, das in tauenden Permafrostböden lagert, könnte auch als wenig nachhaltig sich erweisen, wenn diese Vorräte ungenutzt in Bälde aus dem Boden entweichen. Es gibt vor diesem Hintergrund noch weitere gute Gründe, Erdgas als bedingt nachhaltige Energiequelle einzustufen - der Transport ohne zusätzlichen Verkehr, die effektive und schadstoffarme Verbrennung sowie die technologisch unaufwendig machbare und ökologisch sinnvoll gestaltbare Substituierbarkeit durch "Biomethan" als Zusatz oder bei Erschöpfung.



Energie? Energien? Energieträger? Energiequellen?


Wir haben uns daran gewöhnt, von "erneuerbaren Energien" zu sprechen - obwohl wir dabei "erneuerbare Energieträger" oder "erneuerbare Energiequellen" meinen. Das liegt einmal an der Sprachökonomie: "Energie" ist schlicht kürzer als "Energieträger bzw. Energiequellen". Und es hat auch damit zu tun, dass der Energiebegriff einer der schillerndsten Begriffe ist, die unsere Kultur kennt. Es ist unmöglich, außerhalb der physikalischen Formelsprache exakt von Energie zu sprechen.

Im philosophischen Wörterbuch von Heinrich Schmidt (seit über 100 Jahren bei Kröner in Stuttgart erscheinend) wird Energie mit Rückgriff auf das griechische "energeia" von Aristoteles her als "alles Kraftartige" bestimmt - oder besser: im Unklaren belassen. Auch der dann unverzüglich zitierte physikalische Energiebegriff aus dem 19. Jahrhundert hilft nicht wirklich klärend weiter, denn der besagt, Energie bezeichne eine "Fähigkeit", Bewegung zu erzeugen oder zu verändern. Immerhin ist diese Fähigkeit an ihren Ergebnissen messbar und wird in Joule, Newtonmetern oder Wattsekunden angegeben und damit fassbar.

Wenn von "erneuerbaren Energien" die Rede ist, werden damit entweder erneuerbare (nachwachsende) Energieträger wie Holz oder nicht sich erschöpfende Energiequellen wie Wind und durch Gezeiten oder Schwerkraft bewegtes Wasser bezeichnet. Die Sonne ist Energieträger (dem Holz ähnlich), insofern sie ihre Substanz - wenngleich erst im Verlauf von Jahrmilliarden - verbraucht, aber auch Energiequelle (dem Feuer ähnlich), insofern sie keinen Zustand kennt, in welchem sie nicht Energie abgibt.

Nur wo der Singular auftritt, "erneuerbare Energie", denken wir nicht an Energieträger oder Energiequellen, sondern an Energie "an sich". Und dabei wird es begrifflich schräg. Denn aus der Physik wissen wir, dass Energie nicht verbraucht wird, sondern nur umgewandelt. Was nicht verbraucht wird, kann auch nicht erneuert werden. Bestenfalls wieder zurück verwandelt. Daher sollte auf den Singular verzichtet werden im allgemeinen Energiendiskurs.

Energieträger und Energiequelle werden üblicherweise synonym gebraucht. Der Unterschied zwischen den beiden Begriffsinhalten ist ein perspektivischer. Holz und die Wärmestrahlung eines Feuers sind bilanzierfähige Einheiten als Energieträger. Energiequelle ist das Holzfeuer als System der Umwandlung von Energie.



Erneuerbar oder konventionell? Neu oder alt? Konventionell und fossil?


Zu "erneuerbar" im Energiebereich gibt es zwei Gegenbegriffe, "konventionell" und "fossil". Wobei der Begriff "konventionell" nicht wirklich brauchbar ist. Denn Holz wird eindeutig den "erneuerbaren" Energien zugeschlagen, ist aber einer der ältesten und sicherlich "konventionellsten" Energieträger der Menschheit. Im Kontext der Klimaerwärmungs- und CO2-Debatte ist die Entgegensetzung "erneuerbar" versus "fossil" die sinnvollste.

Als fossile Brennstoffe, Energieträger werden Kohle, Erdöl und Erdgas bezeichnet. Auch Torf zählt zu dieser Kategorie, besitzt allerdings in unseren Breiten keine entsprechende Bedeutung. In weiterem Sinne gehört auch Uran als Energieträger in Kernkraftwerken dazu. Das in unserem Kontext bestimmende gemeinsame Kennzeichen ist die Begrenztheit als Ressource, das absehbare Ende der entsprechenden Vorräte auf unserem Planeten. Der Wortsinn von "fossil", das "ausgegraben" bedeutet, verweist uns darauf, dass diese Brennstoffe in erdgeschichtlich frühen Zeiten entstanden und auf uns als Relikte dieser Zeiten überkommen sind.

Gelegentlich erscheint auch das Gegensatzpaar "neu" versus "alt". Seiner Allgemeinheit und Inhaltsleere wegen wird es eher in rhetorischen Verwendungen eingesetzt. Inhaltlich belastbar ist es nicht. Denn was ist an der Nutzung der Windenergie "neu"? Segelboote gab es schon in prähistorischen Zeiten, Windmühlen prägten die Barockzeit. Neu ist lediglich der Einsatz von Windkraft zur Stromgewinnung. Ähnliches gilt für die Wasserkraftnutzung und schon gar für die Holznutzung. Selbst die gezielte Nutzung der Sonnenenergie kennen wir aus Gewächshäusern oder von den blechernen Warmwasserbehältern, gerne schwarz angemalt, auf Dächern in Südeuropa schon seit langem.

Dass fossile Brennstoffe konventionell seien im Unterschied zu den alternativen, neuen Brennstoffen der Energiewende, ist somit wenig sinnvoll als Klärungshilfe. Es gilt dies nur, wenn wir ausdrücklich die Stromerzeugung in den Blick nehmen. Diese Klarheit geht jedoch durch die PR-Arbeit der Forstwirtschaft verloren, die uns immer wieder Holz als die erneuerbare Energie schlechthin vorstellen möchte. Dabei denkt niemand daran, Holz zur Stromerzeugung einzusetzen.



Regenerativ und alternativ


Häufig verwendete Synonyme für "erneuerbar" sind "regenerativ" und "alternativ", wobei nur "regenerativ" das Zeug dazu hat, das etwas dröge "erneuerbar" zu verdrängen. Die Politik und die Handwerkskammern dürften dies allerdings absehbar durch ihren Sprachgebrauch verhindern. "Erneuerbar" klingt eben auch nach Wirtschaftsaufschwung, Folgeaufträgen für die Erneuerung von Kollektoren auf dem Dach, Styropor auf der Fassade und Mineralwolle unterm Dach. Während "regenerativ" doch eher nach einer Eigentätigkeit des Naturprozesses klingt, die das Bruttosozialprodukt nicht voran bringt.

Der Begriff "regenerativ" benennt die Eigenheit der gemeinten Energieträger bzw. Energiequellen noch am exaktesten und ist sinnvoll für beide Bereiche einzusetzen, während die Anwendung der gängigen Kategorie "erneuerbar" auf die Sonnenenergie etwas pausbäckig klingt. Wenn ich dennoch "erneuerbar" für den Titel meiner Webseite verwende, dann als Anpassung an den Sprachgebrauch, der auf "erneuerbar" eingeschworen ist.

Der Begriff "alternativ" transportiert am deutlichsten die inzwischen nur noch wenig präsente politische Dimension der Energiewende, die sich explizit gegen die Atomenergienutzung wandte. Dass dieser Bezug aus dem Blick geraten ist, liegt unter anderem daran, dass mit der CO2-Debatte die Frontstellung der erneuerbaren Energien gegen Kohle und Erdöl in den Vordergrund rückte. Eine interessante Pointe dabei ist, dass die Atomenergie von politischer Seite schon früh, vor allem in Großbritannien, mit dem Hinweis auf den schädlichen CO2-Ausstoß von Kohlekraftwerken protegiert wurde.

Weitere Begriffsalternativen sind "klimaneutral" und "sauber". Diese beiden Begriffe finden sich häufig in stark ideologisch aufgeladenen Kontexten und werden den komplexen Sachverhalten, die mit Energieproduktion und Energieverbrauch verbunden sind, nicht gerecht. Holzheizungen sind sehr oft keineswegs "sauber" und "klimaneutral" enthält eine Fülle nicht explizierter und teilweise (aufgrund unzureichender Datenerfassung und Theoriebildung) auch nicht explizierbarer Voraussetzungen. Die Konstitutionsbedingungen von Klima sind in ihrer Komplexität längst nicht hinreichend bekannt und "Klimaneutralität" häufig nur höchst problematisch berechnet. Ein "klimaneutraler" Flug, dessen CO2-Ausstoss etwa durch Baumpflanzungen kompensiert werde, ist zumeist nicht mehr als eine PR-Maßnahme. Häufig sind die Pflanzmaßnahmen aus anderen Gründen ohnedies notwendig oder sinnvoll, erfolgen an Orte, wo zuvor gerodet wurde etc. pp. Das beim Flug ausgestoßene CO2 befindet sich in hohen Luftschichten, die "Kompensation" erfolgt am Boden. Zudem sind Flüge auch unabhängig vom CO2-Ausstoß problematisch für die Umwelt.



Natur
"Natur" ist sicherlich eines der komplexesten und umstrittensten Konzepte der Kulturgeschichte. Seine Verwendung geschieht oft in unklar ideologisierten Kontexten und mit normativen Ansprüchen. Wenn "die Natur" geschützt werden soll, kann es sich um das Biotop einer geschützten Art handeln, die in scharfer Konkurrenz zu anderen Arten steht, die am gleichen Standort vorkommen, aber weniger schützenswert sind, gemessen am Bedrohungsstatus. Es kann aber auch um den Erhalt eines Naherholungsgebietes für Jogger, Mountainbiker und Hundeausführer gehen oder um die Interessen von Häuslebauer, die keine Windkraftanlage in ihrer Nähe haben wollen. Oder um ein Jagdrevier, das die Pächter gerne für sich ganz alleine haben möchten. Es kann sich um eine vermeintliche "Wildnis", also in der Regel die Sukzession in einer nutzungsfrei gewordenen Kulturlandschaft, oder eine künstlich erhaltene ehemalige Beweidungswiese handeln, um einen Fichtenforst oder ein renaturiertes ehemaliges Kohlerevier. Es kann sich aber auch um naturidentische Geschmacksstoffe oder Naturkosmetik aus dem Chemielabor handeln. Wer "die Natur" liebt, liebt in der Regel nicht die Ameisen oder Stechmücken, hält meist auch wenig von Dauerregen, sieht Massenvorkommen von Marienkäfern auf seinem Balkon eher ungern und mag Unkraut in seinem Garten häufig überhaupt nicht. Geradezu abenteuerlich wird die Begriffsverwendung bei Personalisierungen im Stil von "die Natur wehrt sich" oder "die Natur schlägt zurück". Auch wenn solche Redeweisen inzwischen durch die "Gaia-Hypothese" James Lovelocks gleichsam wissenschaftliche Weihen erhalten haben.

Begriffsgeschichtlich verweist das lateinische Wort "natura" auf "nasci", "geboren werden". Es handelt sich dabei um die Übersetzung des griechischen Wortes "physis", das zunächst "Geburt", "Herkunft" bedeutete. Das Grundlagenwerk zur antiken Naturwissenschaft des Aristoteles heißt "Physis". Buch II beginnt mit dem bekannten Satz "Vom Seienden (onton) ist manches von Natur aus (physei), anderes aus anderen Ursachen (aitias), von Natur aus die Tiere und ihre Teile, die Pflanzen und die einfachen Körper, wie Erde, Feuer, Luft und Wasser." Dem stellt Aristoteles Bett (kline) und Gewand (imation) gegenüber, welche künstlich, durch Technik geschaffen seien (apo technes).

Im Kommentar des Averroes (Ibn Ruschd, 1126-1198) zur Aristoteles-Schrift "Peri ouranou" findet sich erstmals die Unterscheidung in "natura naturata" und "natura naturans", die für die nachfolgende Philosophie dann von herausragender Bedeutung wurde. Die "natura naturans" wurde dabei weitgehend identisch mit dem Schöpfergott der Bibel gesehen - allerdings als fortdauerndes Wirkprinzip. Die "natura naturata" umfasste alles naturhaft Vorhandene. Spinoza entwirft die "natura naturata" dann zweigesichtig, in den Modi des Denkens und der Ausdehnung. Im Deutschen Idealismus, naturphilosophisch wirkmächtig insbesondere durch Schelling, wird die Unterscheidung systematisch aufgehoben, besonders deutlich bei Fichte ins Anthropozentrische gewendet. Die Differenz Spinoza-Schelling/Fichte markiert zwei bis heute den ökologisch rücksichtsvoll sich verstehenden Umgang mit Natur prägende Grundhaltungen: Natur als zu bewahrende Wildnis mit eigenständiger und eigenrechtlicher Subjektivität versus Natur als durch menschliche Technik für den Menschen zu bewahrendes Schutzgut.

Bernhard Gill unterscheidet in "Streitfall Natur. Weltbilder in Technik- und Umweltkonfikten" 2003 drei Diskurstypen, den identitätsorientierten (Mensch als Teil der Natur), den utilitätsorientierten (Natur als Verfügungsmasse des Menschen) und den alteritätsorientierten (Natur mit Eigenrecht) Naturdiskurs. Wir können von ihm lernen, bei Gesprächen über Natur uns stets zu vergewissern, ob wir im gleichen Diskurstyp operieren.


Technik

Martina Heßler beginnt ihre "Kulturgeschichte der Technik" (Campus Verlag 2012) mit der Frage des nordamerikanischen Technikphilosophen Don Ihde von 1979 nach einem Paradies ohne Technik. Ihde kam damals zu der wenig bemerkenswerten Einsicht, dass ein Paradies ohne Technik nicht unseren gängigen Vorstellungen paradiesischer Zustände entspreche, da es weder Schreib- noch Malwerkzeuge, weder Nähzeug noch Scheren, weder Kochtöpfe noch Herd gäbe. Heßler verweist damit auf die erhebliche Unklarheit im Umgang mit dem Konzept "Technik". Ist ein Faustkeil schon "Technik"? Ist eine Krähe technikkundig, wenn sie sich ein Stöckchen besorgt, um eine nahrhafte Made aus einem Rohr zu schieben?

In der "Theogonie" Hesiods, der wir unser Wissen über die griechische Götterwelt und Mythologie weitgehend verdanken, werden den Göttern nach Herodot ihre "technai" zugewiesen (Herodot, Historien, 2. Buch, 53. Kapitel), laut Klaus Heinrich "Zivilisation befördernde (...) Kunstfertigkeiten, Produktionsformen und Technologien" (Heinrich 2007, Dahlemer Vorlesungen. Gesellschaftlich vermitteltes Naturverhältnis, S. 84). Dieser Begriff von "technai" bestimmt auch die Aristotelische "Physis" und über diese den Technikbegriff der westlichen Zivilisationen bis ins 18. Jahrhundert hinein. Nochmals aktiviert wurde dieser Begriff im 20. Jahrhundert von Martin Heidegger gegen das, was dieser als "moderne Technik" kritisierte, die nicht analog zur Natur schaffe, sondern diese "herausfordere" und instrumentalisiere, zum bloßen "Material" mache, was auch auf den Menschen ausgreife, der zum "Menschenmaterial" werde.

Bei Sophokles finden wir in der "Antigone", im Lied des Chores über die Macht des Menschen die listigen Künste des aufrührerischen Menschen als "mechanoen technas". Bei Aristoteles wird "techne" explizit Gegenbegriff zu "physis". Durch Technik ("apo technes") Geschaffenes stellt er in Buch II seiner "Physis" dem von Natur aus Seienden ("ton onton ta men esti physei")  entgegen. Als Beispiele wählt er "Bett/kline" und "Gewand/imation" - also Gegenstände, die menschengeschaffen und dem Menschen sehr nahe sind.

Sprachgeschichtlich, aber auch konzeptionell bemerkenswert an der gemeinsamen Begriffsgeschichte von "Technik" und "Natur" ist, dass wir im Deutschen in "Technik" die griechische Wortwurzel (techne, lat. ars) erhalten haben, in "Natur" die lateinische (natura, gr. physis). Das jeweilige Analogon der anderen antiken Sprache ist bewahrt in aktuellen Begriffen, die in ihren Konnotationen das schiere Gegenteil der ursprünglichen Bedeutung enthalten: Die der Technik am nächsten stehende Naturwissenschaft trägt den Titel "Physik", die den naturhaften Schöpfungsgedanken am unmittelbarsten aufgreifenden Tätigkeitsfelder der - zumindest im Gemeinverständnis - zweckfreien Künste sind "Artisten" vorbehalten. Dies gilt analog für alle germanischen und romanischen Sprachen, auch wenn die anglophone Sprachwelt am Künstlersein das Handwerklich-Technische stärker betont.

Angesichts von Gentechnik, Geoengineering, virtuellen Welten und immer komplexer werdenden Mensch-Maschine-Interaktionen wird es allerdings zunehmend schwierig, die Begriffswelten von Natur und Technik sinnvoll zu unterscheiden. Das Konzept der Nachhaltigkeit übernimmt hier teilweise bereits die Funktion eines Vermittlungsbegriffs, mit der Gefahr des ideologischen Missbrauchs. Es steht damit auch in der Tradition des Begriffsfeldes "Ökologie".


Und was hat ein Pfirsichbaum damit zu tun?


Ein Pfirsichbaum mit intensivgrünem Laub und zahlreichen reifen Früchten im Sonnenuntergang, mit Blitzlicht fotografiert: Dieses Bild habe ich gewählt als Bildzeichen für meine Seite zu erneuerbaren Energien. Die Wahl geschah "aus dem Bauch heraus" und hat sicherlich auch damit zu tun, dass ich zu diesem Pfirsichbaum, der auf meiner Olivenwiese steht, eine besondere Verbindung habe. Er stammt vom Grundstück eines Freundes, der sich ganz einer umweltverträglichen Lebensweise verschrieben hat. Die Pflege des Baumes kostet mich viel Zeit, da die Kräuselkrankheit ebenso wie die Blattläuse ihn bevorzugt heimsuchen. Er erfreut aber auch durch regelmäßige hohe Fruchtbarkeit. Die Früchte werden dann gerne von Spaziergängern geerntet - was so nicht vorgesehen ist. Ein Bild für das, was auf unserem Planeten leider im großen Maßstab zu oft geschieht: Die einen pflegen, die anderen ernten. Und aktuell findet eine Vermögenskonzentration in den Händen einer kleinen Elite statt, die an die Zeiten des feudalen Absolutismus oder der Gründerzeit um 1900 erinnert. Schlechte Voraussetzungen dafür, eine nachhaltige Gesellschaft für die Zukunft zu gestalten.

Dem stelle ich mit dem Pfirsichbaum das Bild einer Kultur entgegen, die in Kooperation mit der Natur arbeitet und eine Fülle produziert, die allen zugute kommt, aber auch von allen gemeinsam getragen wird. Pflanzen allgemein, symbolträchtig vor allem ihre Früchte, verweisen uns darüber hinaus auf die existentielle Wichtigkeit der Sonne als Energiespender. Der Pfirsichbaum speziell gilt in China als Symbol für Unsterblichkeit, für das ewige Fortdauern der Lebensprozesse. Die Gesundheitswirkungen von Pfirsichen sind umfassend. Aber Pfirsichbäume sind auch besonders empfindlich gegenüber Umweltschädigungen und Krankheiten. Die Früchte des Pfirsichbaums stehen nicht nur für die unerschöpflichen Ressourcen des solaren Energiesystems, sondern auch für die Transformationskraft der Naturprozesse. Die Schönheit, die Nahrhaftigkeit und der geschmackliche Reichtum des Pfirsichs verdanken sich letztlich "nur" Erde, Wasser und Sonne. Er ist ein starkes Symbol für eine nachhaltige Ökonomie der Zukunft und für die Potentiale erneuerbarer Energien.






GRUNDLAGEN  
 

Wasserstoff


Am Anfang war der Wasserstoff ...

Ich möchte mit dem Anklang an die Bibel nicht so weit gehen wie Hoimar von Ditfurth im Titel seiner Publikation "Im Anfang war der Wasserstoff" von 1972. Inhaltlich schließe ich jedoch wie er an die Erkenntnis an, dass zu den ersten nach dem "Urknall" entstandenen Elementen der Wasserstoff gehörte, ein Stoff von ganz besonderer Bedeutung.

Wasserstoff, schlicht H im chemischen Periodensystem genannt, nach lateinisch "hydrogenium", ist das am einfachsten aufgebaute uns bekannte Element. Es besteht nach dem Bohrschen Atommodell aus einem Proton und bis zu zwei Neutronen im Atomkern und einem Elektron. Energetisch trat der Wasserstoff zunächst in Wasserstoffbomben vor das Publikum, erstmals wurde 1952 auf einem Atoll der Marshallinseln von den USA eine Wasserstoffbombe gezündet. Die stärkste jemals von Menschen verursachte Explosion produzierte eine Wasserstoffbombe der UdSSR, 1961 auf Nowaja Semlja gezündet, gebaut von einem Team um Andrej Sacharow. Seit den 60er Jahren wird Wasserstoff als Treibstoff der Raumfahrt eingesetzt und in Brennstoffzellen für die Stromproduktion im All. Und seit den 80er Jahren bemüht sich die Energieindustrie um die Entwicklung einer "Wasserstoffwirtschaft" mit dem Wasserstoff als Energieträger. Nennenswert entwickelt ist bislang nur der Einsatz von Wasserstoff im Brennstoffzellenantrieb für PKW .

Die kleinen, leichten, leisen, charmanten Elektoautos haben allerdings den Wasserstoffautos den Rang abgelaufen im Bemühen um "alternative" Antriebssysteme. Dabei laufen auch die mit Wasserstoff-Brennzellen betriebenen Autos mit Elektromotoren - doch den Strom dazu produzieren sie selbst. Und das braucht Platz und bringt Gewicht. Und kostet Geld. Der erste wasserstoffbetriebene Serienwagen, der Hyundai iX 35 Fuel Cell, 2015 auf den Markt gekommen, kostet im Jahr 2016 etwa 65.000 Euro in der Basisversion. Es fehlt an der Tankstelleninfrastruktur, am Typenangebot und an Käufern. Und für eine vorteilhafte Ökobilanz mangelt es an einer umweltfreundlichen Produktion des Betriebsstoffes, Wasserstoff. Diese könnte realisiert werden, wenn überschüssiger Strom aus der schwankenden Produktion von Wind- und Solaranlagen dazu genutzt wird, Wasserstoff zu isolieren.

Dabei bleibt die Frage, ob dies in der gesellschaftlichen Gesamtrechnung Sinn macht. Es wird eine weitere Industrie aufgebaut, die Abhängigkeiten, Risiken und Kosten produziert, denen - im Blick auf den Autoverkehr - kein erkennbarer besonderer Nutzen im Vergleich mit batteriebetriebenen PKW gegenübersteht (anders sieht es im Blick auf Autobusse, LKW, Lokomotiven oder Schiffe aus). Mit dem Wasserdampfausstoß dieser Fahrzeuge wird massiv in den Feuchtigkeitshaushalt von Ballungsgebieten des Verkehrs eingegriffen. Ein wasserstoffbetriebener Automotor mit 100 PS produziert bei Volllast in einer Stunde 12 Liter Wasser - gegenüber 5 Liter Oxidationswasser bei Benzin-/Dieselantrieb. Allerdings würde eine Umstellung des gesamten Autoverkehrs auf Wasserstoffantrieb den Wasserdampfanteil in der Luft allgemein gegenüber natürlicher Verdunstung lediglich um 0,03% erhöhen - nach einer Rechnung für Österreich, erstellt vom österreichischen Umweltbundesamt. Die Wasserdampfbildung bei der Produktion des Treibstoffs ist dabei allerdings nicht eingerechnet.

Der Wasserdampfausstoß einer Wasserstoffindustrie birgt globale Risiken. Wasserdampf ist ein wirksameres Treibhausgas als CO2 - hat allerdings den Vorteil, sich regelmäßig zu reduzieren durch Wolkenbildung und Regen. Welchen Einfluss eine Wasserstoffindustrie auf das Klima hätte, wird aktuell erforscht. Nachhaltig ist eine solche Industrie per se nicht, denn für die Produktion des Treibstoffs Wasserstoff wird mehr Energie benötigt, als der Treibstoff selbst zur Verfügung stellt. Aktuell etwa drei mal so viel!



Photonen


Und es wurde Licht ...

Mit dem Licht beginnt die Gestaltung der Schöpfung im biblischen Mythos der Genesis. Licht, konkret Sonnenlicht, ermöglichte erst die Entwicklung des höheren Lebens auf unserem Planeten. Letztlich hängen fast alle energetischen Prozesse auf unserem Planeten von der Sonnenenergie ab - so sind Kohle, Erdgas und Erdöl letztlich zu einem wesentlichen Anteil gespeicherte, umgewandelte Sonnenenergie. Wichtige Ausnahmen von der allgemeinen solaren Abhängigkeit der Energiequellen auf unserem Planeten sind die gravitationsbedingten Prozesse, die Geothermie, unbelebt chemische Prozesse und die Kernspaltung.

In der Physik des 19. Jahrhunderts gab es sowohl Belege für die Wellennatur des Lichtes (Interferenz und Polarisation) als auch für den Teilchencharakter (photoelektischer Effekt). 1905 formulierte Albert Einstein in seiner Publikation "Über einen die Erzeugung und Verwandlung des Lichtes betreffenden heuristischen Gesichtspunkt" die Hypothese von der Quantennatur des Lichtes, basierend auf den Arbeiten von Max Planck und Heinrich Hertz. Ab 1925 wurde die Quantentheorie des Lichtes formal entwickelt. Nach dieser Theorie besteht Licht (als ein Fall elektromagnetischer Strahlung) aus einzelnen Energiepackungen, Quanten. Das Quant des elektromagnetischen Feldes ist das Photon, nach der Benennung durch Einstein. Das Photon, wie alle anderen Quanten auch, hat je nach Untersuchungsbedingung Teilchen- oder Wellencharakter.

In der Photosynthese wird das Photon zum entscheidenden Motor der Lebensentwicklung. Chlorophyll absorbiert die Energie der auf die Pflanze treffenden Photonen und stellt sie den Chloroplasten für die Kohlehydratproduktion zur Verfügung. Dabei wird das Photon materiell gebunden. Bei einem Sonnenbad prasseln ca. 10 Billiarden Photonen pro Sekunde auf einen Quadratzentimeter Haut. Für ihren Weg von der Sonne zur Erde benötigen sie etwa acht Minuten - für den Weg vom Reaktor im Innern der Sonne zur Oberfläche mehrere tausend Jahre (genannt werden 100.000, gemessen hat es noch niemand).



Methan


Mit der Pflanzenwelt kam das Sumpfgas als Zerfallsprodukt. Methan war den Alchimisten des Mittelalters bereits bekannt als "Sumpfluft". Für die Neuzeit entdeckt wurde Methan als Brennstoff im November 1776 durch den italienischen Physiker Alessandro Giuseppe Volta (nach ihm ist die Messeinheit für die elektrische Spannung benannt). Er sammelte in der Uferzone des Lago Maggiore das aus dem Untergrund aufsteigende Gas in einem Glasgefäß. Zuhause im Labor verbrannte er das Gas und setzte es in seiner Volta-Pistole ein (einer Weiterentwicklung aus dem Eudiometer), die als Vorläufer des Gasfeuerzeugs gelten kann.

Methan (CH4) entsteht bei der Zersetzung von Biomasse. Die methanbildenden Bakterien gehören zu den ältesten bekannten Mikroorganismen und werden den Archaebakterien zugeordnet. Ihr Stoffwechsel verläuft anaerob. Was wir heute als Erdgas verbrauchen, ist in erdgeschichtlich 20 Millionen Jahre und weiter zurückliegenden Zeiten bei der Verrottung von Biomasse, vorwiegend Algen, entstanden.

Natürliche Quellen für aktuell entstehendes Methan sind Sümpfe ("Sumpfgas") und die Mägen von Wiederkäuern. Eine heutige Hochleistungskuh gibt pro Tag ca. 400 Liter Methan an die Umgebungsluft ab (es gibt unterschiedliche Zahlenangaben, zwischen 200 und 500 Liter). Bei einem Jahresbedarf von ca. 690.000 cbm Methan für eine Biogasanlage mit 500 kW Leistung werden so ca. 5.000 Kühe für eine Anlage benötigt. Die 12,5 Millionen Kühe in Deutschland könnten mit ihrem Methanausstoß ca. 2.500 Biogasanlagen mit 500 kW installierter Leistung unterhalten. Zum Vergleich: Aktuell sind in Deutschland ca. 9.000 Biogasanlagen mit einer durchschnittlichen Leistung von ca. 500 kW in Betrieb. Ein Kilogramm Frischgras kann ca. 86 Liter Methan ermöglichen. MethanemittendenDie Dichte von Methan beträgt 0,72 Gramm/Liter bei 20 Grad C.

Da Methan den Treibhauseffekt 25 mal stärker verschärft als CO2 gibt es schon Bemühungen, den Methanausstoß von Kühen zu verringern. Der effektivste Weg wäre sicherlich, unseren Konsum an Milchprodukten zu reduzieren (Methansteuer auf Milchprodukte?) und auf Qualität statt Milchmassen zu setzen, von denen regelmäßig der Überschuss vernichtet oder mit absurdem Aufwand gelagert werden muss. Auch der Fleischkonsum muss reduziert werden - was nicht zuletzt der Gesundheit hilft. Stattdessen wird von Wissenschaftlern vorgeschlagen, Kühe von Grasernährung auf Maisernährung umzustellen - letztlich also auch: Kühe von den Wiesen zu nehmen! Eine abstruse Forderung, die nur der industriellen Viehhaltung und der Maisindustrie hilft. In der Bilanz ist die Maisernährung klimaschädlicher als die Grasernährung. Im übrigen werden die meisten Kühe in Deutschland ohnedies bereits jetzt zu einem Teil mit Mais ernährt - "Kraftfutter", um die erwartete Hochleistung zu erbringen.

Es kann inzwischen als gesichert gelten, dass Pflanzen auch in ihren Lebensprozessen, nicht nur beim Zerfall, Methan erzeugen. Zwei Heidelberger Forscher, Frank Keppler und Thomas Röckmann, haben dies 2005 gegen die bisherige Lehrmeinung entdeckt und 2014 den dahinter stehenden Prozess entschlüsselt, an welchem maßgeblich die Aminosäure Methionin beteiligt ist. 10-30% der weltweiten Methanemissionen könnten so verursacht sein. Für die Klimadebatte ergeben sich daraus noch nicht absehbare Konsequenzen. Unter anderem dürfte die Ökobilanz von Biogasanlagen mit Maisanbau noch weiter ins Minus gehen.

Methan könnte im 21. Jahrhundert zu einem der wichtigsten erneuerbaren Energieträger werden. Jede Haustoilette könnte zu einem Kraftwerk werden für den Eigenbedarf. In Indien gibt es Biogas-Toiletten bereits seit langem. Der Soziologe Bindeshwar Pathak hat 1970 seinen Prototypen einer Zwei-Gruben-Anlage gebaut, zur Verbesserung der Hygiene und zur Methanerzeugung für Beleuchtung und Kochen. Inzwischen wird sein Verfahren weltweit genutzt. Ein technisch weiter entwickeltes Modellprojekt ist auf der Jenfelder Au in Hamburg geplant (Stand 2016). Ein Wohnprojekt mit 600 Wohneinheiten soll zu 50% mit Strom aus der Methanproduktion der eigenen Toiletten versorgt werden. Bedeutsamer dürfte allerdings auch künftig (wie schon jetzt bei den bestehenden Biogasanlagen) die Methanbildung aus pflanzlichen Materialen sein. Die bestehende Infrastruktur aus Kanalisation und Kläranlagen (oft bereits mit Methangewinnung ausgerüstet) spricht ebenso dafür wie moderne kulturell-zivilisatorische Vorbehalte gegen die Nutzung menschlicher Fäkalien.

Methan wird diskutiert als Puffer für überschüssigen Strom - allerdings mit einem Wirkungsgrad von lediglich 30%. Eine Arbeitsgruppe um den Chemiker und Nanotechnologieforscher K. Christian Kemp hat an der Pohang-Universität Südkorea 2015 aufbereiteten Kaffeesatz als wirkungsvollen Methanspeicher entdeckt. Vielleicht werden Kühe bald Windeln mit Kaffeesatzfüllung um Maul und After tragen ...

Hoch problematisch ist der sich abzeichnende Methan-/Erdgasboom, wo er auf Fracking und anderen risikoreichen Technologien zur Erschließung wenig zugänglicher Vorkommen - etwa im Meeresboden, vor allem der Arktis, basiert. Mit den Risiken verbunden ist lediglich ein dürftiger Aufschub der Versorgungsprobleme - die in der Arktis vermuteten Gasvorkommen könnten den Weltbedarf gerade einmal sieben Jahre decken.

Methan könnte auch zu einer massiven Bedrohung für die Klimaregulation des Planeten werden. Die Zuchttierbestände zur Befriedigung des Fleischkonsums stoßen zunehmend mehr Methan aus (aktuell etwa dreimal so viel wie die Reisfelder der Welt), tauende Frostböden im Norden geben Methan frei, etwa in Skandinavien und dem nordöstlichen Russland. Ferner können Temperatur- und Druckverschiebungen in Meeren und Seen gleichfalls erhebliche Mengen an Methan aus Methanhydraten freisetzen. Das Thema Methanhydrate hat Frank Schätzing in seinem Bestseller "Der Schwarm" bereits spektakulär bearbeitet.




Energietransformation, Energiespeicherung


Energie zeichnet sich unter anderem durch eine enorme Transformierbarkeit aus. Jede Energieform lässt sich mit geeigneten Apparaten oder Maschinen in eine andere Form überführen. Die elektrische Energie zeichnet sich dabei aus durch ihre im Vergleich der Energien einfache Verfügbarkeit. Sie lässt sich auch mit vertretbarem Aufwand speichern und transportieren. Allerdings gehen bei der Verwandlung anderer Energieformen in elektrische Energie und bei ihrer Speicherung erhebliche Energieanteile der menschlichen Nutzung verloren. Dennoch kommt der elektrischen Energie heute der Status einer gemeinsamen Währung auf dem Markt der Energien zu.

Wird die Energie aus Biomasse in Strom verwandelt, gehen 60-70% der Energie als Wärme verloren, wenn keine Nutzung dieser Wärme erreicht werden kann, etwa in Nah- oder Fernwärmenetzen. Hier können neue technische Entwicklungen zu einer höheren Effizienz führen. Im ORC-Verfahren ("Organic Rankine Cycle") werden organische Lösungsmittel zur Dampferzeugung für die Stromturbinen eingesetzt, die schon bei ca. 80 Grad verdampfen. Ein weiterer Effizienzgewinn kann durch thermoelektrische Generatoren erreicht werden, die bei noch geringeren Temperaturen Stromerzeugung leisten über den "Seebeck-Effekt", Stromfluss bei Temperaturgefälle in Metallen.

Die wirtschaftlich sinnvolle Speicherung großer Mengen an Strom bereitet nach wie vor Probleme. Verfolgt werden aktuell vor allem zwei Wege: Die direkte Speicherung in vielen dezentralen Verbrauchseinheiten mit eigenem Speicher, vor allem Solarfahrzeugen - denkbar ist auch eine Neubelebung der "Nachtstromheizungen". Die indirekte Speicherung in Pumpspeichern von Wasserkraftwerken ist eine weitere Option.

Als neue - oder zumindest zweite - "Leitwährung" neben Strom könnte sich auch Methan etablieren. So kann überschüssiger Strom auf dem Umweg über die elektrolytische Erzeugung von Wasserstoff, der sich mit Kohlendioxyd verbindet (Sabatier-Prozess), Methan produzieren, das ins Gasnetz eingespeist werden kann ("Power to Gas"). Allerdings geht dabei viel Energie verloren, alleine bei der Wasserstoffproduktion mit Strom 70%. Dass Methan zu einer "Leitwährung" auf dem Energiemarkt wird, scheitert vorläufig auch daran, dass die etablierten Strukturen der Biogaserzeugung und -verwertung in landwirtschaftlichen Kleinanlagen weitgehend auf Strom als Zielprodukt eingestellt sind.



Abschied vom fossilen Zeitalter

Nach der Mahnung zu den "Grenzen des Wachstums" von 1972 (Meadows, Meadows, Randers, Behrens) hat der Umwelthistoriker Rolf Peter Sieferle mehrere Studien vorgelegt, die den metabolischen Systemen verschiedener menschlicher Gesellschaftsformationen gelten. Sieferle unterscheidet zwischen Jäger- und Sammlergesellschaften, Agrargesellschaften und Industriegesellschaften. Die ersten beiden Gesellschaftstypen basieren auf solaren Energieflüssen, mit indirekter oder vermittelter Umweltkontrolle, der dritte ist bestimmt durch die exorbitante Nutzung fossiler Ressourcen bei direkter Umweltkontrolle. Sieferle nennt dieses dritte System "Transformationssystem", denn im Unterschied zu den beiden anderen ist es strukturell nicht-nachhaltig, kann auf Dauer nicht aufrechterhalten werden und muss aus Einsicht oder Notwendigkeit ersetzt werden.

Diese Auffassung wird von Ökologen, Ökonomen und Teilen der politischen Eliten weitgehend geteilt. Der radikal abnehmende Grenznutzen des fossil basierten Energie- und Wirtschaftssystems, die absehbare Erschöpfung fossiler Ressourcen, das Deponieproblem sowie unkalkulierbare "Nebenwirkungen" des fossilen Systems wie der "Klimawandel" machen eine Modifikation nach politischem, ethischem und wissenschaftlichem Konsens unabdingbar. Strittig ist aktuell lediglich das Maß der Modifikation im Spektrum zwischen Reduktion bis hin zur völligen Abkehr. Und strittig sind auch die Alternativen, auf der einen Seite der Extreme radikaler Konsumverzicht und ausschließliche Nutzung sanfter erneuerbarer Energien, auf der anderen der forcierte Einsatz der Kernenergie (Russland etwa setzt auf den Schnellen Brüter).

Selbst eine völlige Abkehr von der gesellschaftlichen Nutzung fossiler Energieträger könnte allerdings den Verbrauch fossiler Ressourcen nicht vollständig stoppen. Es würden weiterhin brennende Kohlenflöze in China und anderswo glusen, Methan ungenutzt aus der Erde entweichen und Erdöl aus submaritimen Quellen ins Meer fließen. Allerdings bliebe dies vernachlässigbar, sollte eine Verständigung auf eine tatsächlich nachhaltige Energieproduktion und -konsumption gelingen. Aktuell zeichnen sich jedoch eher ein macht- und einflusspolitisch ausgetragener Interessenkampf ab zwischen den Anhängern und Profiteuren der verschiedenen Energietechnologien. Dabei ist auch der Einsatz für erneuerbare Energien erkennbar gesteuert durch heterogene wirtschaftliche und ideologische Interessen, etwa bei der Frontstellung zwischen Windkraftanlagen- und Biogasanlagen-Nutzung.



Ambivalenzen des Solarregimes

Rolf Peter Sieferle sieht am Ende des als "Transformationssystem" von ihm verstandenen industriellen Systems ein wieder solar basiertes System sich abzeichnen. Auch unter vielen Anhängern der "Energiewende" wird solaren Energieflüssen unbedingte Priorität eingeräumt. Wobei die "Wende" zum Solarsystem je nach Diskursformation, politischer Orientierung und/oder technologischer Kompetenz primär eine Wende weg von der Atomenergie oder primär eine Wende weg von fossilen Energien allgemein - von denen Atomenergie nur einen Sonderfall darstellt - meint.

Aktuell wird im Diskurs zu erneuerbaren Energien von Solarenergienutzung nur im Blick auf Solarkollektoren (Photovoltaik und Solarthermie) gesprochen. Doch auch die Biomassenutzung ist entscheidend vom solaren Energiefluss abhängig, sie wird bei Sieferle den solarmetabolischen Systemen subsumiert. Wo Biomasse mit Kunstdünger produziert wird, partizipiert sie allerdings substantiell auch am fossilen Ressourcenfluss. Und in der Regel werden die meisten beteiligten Maschinen und Fahrzeuge mit fossilen Treib- und Schmierstoffen betrieben. Noch schwieriger wird eine saubere kategoriale Zuordnung bei der Windenergienutzung. Aufwindkraftwerke sind vollständig von der Sonnenenergie abhängig. Doch auch der "normale" Wind ist von der Sonne abhängig, entsteht durch Temperatur- und Druckdifferenzen in Abhängigkeit primär vom Sonneneinfluss.

In Deutschland wird der partielle Übergang zu solarer Energienutzung zudem finanziert aus Erträgen, die mit konventionell erzeugtem Strom erbracht werden - eine höchst unbefriedigende Situation, die auf Jahrzehnte festgeschrieben ist und schon strukturell keinen echten Übergang zulässt. Die Biomassenutzung zur Energieerzeugung schafft Risiken für die Ernährungssicherheit, reduziert schon jetzt erkennbar biologische Vielfalt und ist in der Summe ähnlich klimaschädigend wie die Nutzung fossiler Ressourcen (ungenutzte Abwärme, Einsatz fossiler Ressourcen für Produktion und Verarbeitung, Methanausstoß bei Produktion, Lagerung und Gülleausbringung).



"Kein Blut für Öl"

Eine verbreitete politische Parole, die meines Wissens erstmals beim Golfkrieg 1990/91 auftauchte, lautet "Kein Blut für Öl!". Robert Habeck, seit 2012 grüner Minister für Energiewende, Landwirtschaft und Umwelt in Schleswig-Holstein, bezieht sich in seinem Buch "Wer wagt, beginnt" von 2016 auf diese Parole als Einstieg in sein Kapitel "Szenarien der Apokalypse - und die Hoffnung, dass wir sie abwenden können". Er plädiert für eine "friedenssichernde Energieaußenpolitik" und vertritt die Auffassung, die Erneuerbaren Energien - und somit im Idealfall eine Unabhängigkeit von Öl und anderen fossilen Energieträgern - könnte ein neues Kapitel aufschlagen in der "energiepolitischen Erzählung von Krieg und Frieden" (Habeck 2012, S. 204).

Hier gewinnt der Energiediskurs eine neue Dimension, die einerseits die Gefahr ideologischer Überfrachtung zu Lasten sorgfältiger Argumentation birgt (wer kann schon gegen etwas sein, wenn es dabei "um Leben oder Tod" geht), andererseits aber auch im Kontext der Erneuerbaren Energien die Verengung des Blickes auf ökologische Zusammenhänge aufbrechen kann. Eine Parallele gibt es etwa im Bereich der Agrogentechnik, wo längst klar ist, dass die Debatte alleine um ökologische und gesundheitliche Gefahren die relevantere politisch-ökonomische Dimension verschleiert, in der es auch um die Kontrolle über die Lebensmittelproduktion geht und um die wirtschaftlichen Interessen von Saatgut-, Dünger- und Pflanzenschutzmittelherstellern geht, die zunehmend gebündelt werden.

Die Formel "Kein Blut für Öl" verweist auf den engen Zusammenhang vieler politisch-militärischer Konflikte seit dem Zweiten Weltkrieg mit der Verfügung über die Ressourcen Erdöl und Erdgas. Mit der sich abzeichnenden extremen Verknappung dieser Ressourcen in einigen Jahrzehnten droht eine Zunahme solcher Konflikte. Mit einer massiven Abnahme der Bedeutung dieser Ressourcen, so die Hoffnung Habecks und anderer, könnte dem begegnet werden.

Hingewiesen sei hier auch darauf, dass der IS seine Terroraktivitäten weitgehend mit Einnahmen aus dem Ölgeschäft finanziert.



"Erfindung" der Nachhaltigkeit


Die Geschichte der Nachhaltigkeitsidee läßt Ulrich Grober in seinem materialreichen Buch über "Die Entdeckung der Nachhaltigkeit" (2010) mit dem Sonnengesang des Heiligen Franziskus von Assisi beginnen. Ein weiterer Vordenker ist für ihn Spinoza (1632-1677) mit seiner Gleichung "deus sive natura".

Als Schöpfer des heute prägenden Nachhaltigkeitskonzeptes gilt allerdings ein sächsischer Förster der Barockzeit und jüngerer Zeitgenosse Spinozas, Hans Carl von Carlowitz (1645-1714). Sein Vater war Förster und der Vater seiner Mutter war Förster, er selbst aber ausgebildet in Rechts- und Staatswissenschaften. Mit dem Wald hatte er beruflich dann zu tun als Kameralist/Kammerrath und Berghauptmann, ab 1711 Oberberghauptmann in Freiberg/Sachsen. Die Waldwirtschaft war bedeutsam für die Silberminen am Erzgebirge, denen Carlowitz vorstand. Holz wurde benötigt als Bau- und Brennmaterial. Sein heute wieder viel zitiertes Grundlagenwerk von 1713 trägt den Titel "SYLVICULTURA OECONOMICA, Oder Haußwirthliche Nachricht und Naturmäßige Anweisung Zur Wilden Baum-Zucht". Die Ökonomie steht also an der Wiege des Nachhaltigkeitskonzeptes. Das Anliegen des Oberberghauptmanns war, "dem allenthalben und insgemein einreissenden Grossen Holtz-Mangel (...) zu prospiciren" im Interesse "nothdürfftiger Versorgung des Hauß- Bau- Brau- Berg- und Schmeltz-Wesens". Was heute nachhaltige Waldwirtschaft heißt, nannte er dabei "immerwährende Holtz-Nutzung" oder "nachhaltende Nutzung".

Bemerkenswert ist, wie umfassend Carlowitz seine Forstwirtschaft konzipierte. Dass nicht mehr Wald geschlagen werden solle, als nachwachse, ist eine Einsicht, die vor ihm schon etliche Praktiker der Forstwirtschaft und Kameralisten hatten, verfolgbar bis zurück ins 16. Jahrhundert. Er verbindet diese Einsicht jedoch in einer Gesamtkonzeption mit dem Prinzip der Naturverjüngung, Überlegungen zum Gesamthaushalt eines Waldes sowie klar formulierten Ansprüchen an den Wald, auch die Brennholzbereitstellung für die arme Bevölkerung zu sichern. Daraus wurde in der Folge die dreigliedrige Bestimmung von Nachhaltigkeit, als Ergebnis von ökonomisch, ökologisch und sozial zukunftsfähigem Handeln.

Nebenbei, was heute nicht mehr so gerne erwähnt wird, geht Carlowitz in seinem Buch auch darauf ein, wie Torf als Brennstoff zuhause und für Schmelzwerke durch Verkohlung genutzt werden könne. Aus heutiger Sicht ein ganz und gar nicht "nachhaltiger" Ansatz. Zu erinnern ist auch daran, dass der sächsische Bergbau nicht nur Wälder, sondern auch Landschaft insgesamt zerstört und vergiftet hat, etwa mit den Abgaswolken der Köhlereien und den Arsen- und Bleifrachten der Silberbergwerke in Bächen und Flüssen.

Das macht es aus heutiger Sicht zweischneidig, wenn Carlowitz gelegentlich vom unvergleichlich heilsamen Grün der Blätter des Waldes schwärmt. Dieses Schwärmen könnte darauf verweisen, dass Carlowitz den größten Teil seiner Amtszeit überwiegend für den Wald zuständig war, während das "schmutzige" Bergwesen vor allem von seinem Vorgesetzten bis 1711, Abraham von Schönberg, bearbeitet wurde. Vergessen wir aber nicht, dass auch der Bergbauingenieur und Salinenassessor Friedrich von Hardenberg (1772-1801) keinen Widerspruch sah zwischen seiner Arbeit in den Bergwerken um Freiberg und seiner romantischen Naturauffassung, die er unter dem Künstlernamen "Novalis" verbreitete.

Es ist eine bemerkenswerte Pointe der Kultur- und Technikgeschichte, dass das Zeitalter der fossilen Energieträger unmittelbar auf die erste Ausfaltung des Nachhaltigkeitskonzeptes im Forstbereich folgte. Der Grund liegt auf der Hand: Weder die Energiedichte, noch die Verfügbarkeit von Holz waren dem im 18. Jahrhundert sich anbahnenden Industrialisierungsschub gewachsen.



Die energetisch-materielle Basis von Nachhaltigkeit


Die Besonderheit erneuerbarer Energien liegt kategorial auf einer anderen Ebene als die üblicherweise genannten drei Dimensionen der Nachhaltigkeit, Ökonomie, Ökologie und gesellschaftlicher Zusammenhalt. Dass Holz wieder nachwächst (sofern es dies tut, was in ariden und semi-ariden Gebieten nicht unbedingt der Fall ist), ist ökonomisch zwar höchst vorteilhaft, verweist auf ökologische Zusammenhänge und trägt dazu bei, den sozialen Frieden besonders in agrarisch strukturieren Gesellschaften zu erhalten - ist jedoch damit nicht zureichend erfasst. Allerdings hat der Brundtland-Report von 1987 bereits nachdrücklich auf die Bedeutung erneuerbarer Ressourcen für Nachhaltigkeit, "sustainable development", hingewiesen und deutlich gemacht, dass hier auch konzeptioneller Klärungsbedarf besteht. Diese Klärungen, sofern sie versucht wurden, gingen im nachfolgenden Kampf der Interessen unter.

Energetisch-materielle Nachhaltigkeit ist eine grundsätzlich problematische Kategorie, da Energie und Materie per se - im Wandel - dauerhaft sind. Wir verlassen hier die kategoriale Ebene von Ökonomie, Ökologie und Sozialgefüge, die gesellschaftlich verfasst ist. Wobei die Kategorie der Ökologie erkennbar am Rande steht und in den Bereich der naturwissenschaftlich greifbaren Größen hineinragt. Strenge Marxisten werden dies auch für den Bereich der Ökonomie und des Sozialgefüges reklamieren. Behalten wir also zumindest im Blick, dass uns Erneuerbarkeit als energetisch-materielle Nachhaltigkeit kategorial auf glattes Parkett führt.

Ein Erbe der forstökonomischen Herkunft des Nachhaltigkeitskonzeptes und seiner Konjunktur im Kontext des Diskurses zur Ressourcenerschöpfung, den die Publikation "The Limits to Growth" eröffnet hat, ist seine Fokussierung auf stoffliche Ressourcen. Das wird zukunftspolitisch riskant vor dem Hintergrund, dass wir zeitgleich eine Entgrenzung der Ressource Geld erleben, die im Nachhaltigkeitsdiskurs nicht erfasst werden kann, ebenso wenig wie die exponentiell zunehmende Bedeutung der Ressource Information. Problematisch ist auch die unzureichende Positionierung der Ressource "Zeit" im Nachhaltigkeitsdiskurs, die fortstwirtschaftlich einen anderen Rhythmus hat als dies unserer heutigen gesellschaftlichen Dynamik entspricht.



Eine vierte Dimension der Nachhaltigkeit


Das Konzept der Nachhaltigkeit leidet entscheidend daran, ohne klare eigene ethische Bestimmungen in wertsetzenden Kontexten verwendet zu werden. Seine ethisch-wertenden Implikationen verbergen sich dabei hinter den scheinbar objektiven Kategorien von Ökonomie und Ökologie. Die soziale Dimension der Nachhaltigkeit öffnet das Konzept zwar für explizite Wertsetzungen, verengt diese jedoch auf eine anthropozentrische Perspektive und materielle Güter (bei Carlowitz das Brennholz für die Armen, heute die Rücksicht auf den materiellen Bedarf kommender Generationen). Das macht den Begriff der Nachhaltigkeit anfällig für diffuse Besetzungen und diskursiven Missbrauch. Fatal wird dies aktuell bei der Verkreuzung mit den von höchst divergierenden Interessen besetzten Themenbereichen "Erneuerbare Energien" und "Klimaschutz".

Das Konzept "Bewahrung der Schöpfung" hat hier den unbestreitbaren Vorzug, seine ethischen Setzungen zu bekennen und in einen definierten religiösen Kontext zu stellen. Bei Carlowitz finden wir das Desiderat vage benannt in seinem Schwärmen "(w)ie angenehm die grüne Farbe von denen Blättern sey". Unvermerkt artikuliert sich hier in der ersten bekannten Ausformulierung des Nachhaltigkeitsansatzes ein im Ansatz ästhetisches Argument, das uns im Kontext verweist auf eine religiös-ethische Tiefendimension. Diese Verflechtung von Religion und Ästhetik kennen wir kulturhistorisch entwickelt aus dem Deutschen Idealismus, explizit gemacht in der "Kunstreligion" Schleiermachers, in seinen "Reden über die Religion" 1799.

Aktuell stehen originär ethische Fragestellungen im Vordergrund, wobei sich gesinnungsethische und verantwortungsethische Ansätze, utilitaristische und deontologische Orientierungen um die Vorherrschaft im Diskurs streiten. Ästhetische Ansätze zu einer achtsamen Naturbegegnung, wie sie in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts von den Brüdern Gernot und Hartmut Böhme anspruchsvoll entwickelt wurden, treten zunehmend in den Hintergrund und spielen lediglich in den Ausführungen von Naturschützern noch eine gewisse Rolle. Inhaltlich finden sie sich residual in der "sozialen" Dimension der Nachhaltigkeit, als "Erholungswert", substantialisiert.




Global Warming

Global warming/Globale Erwärmung und Climate change/Klimawandel sind die beiden Begriffe, die für den erheblichen Anstieg der durchschnittlichen Temperatur auf unserem Planeten, der auf menschliches Handeln zurückgeführt wird, verwendet werden. "Es gilt als gesicherte Erkenntnis, dass im weltweiten Durchschnitt menschliches Handeln seit 1750 das Klima erwärmt hat" - Umweltbundesamt Dessau-Roßlau am 25.07.2013 unter Berufung auf den IPCC-Bericht 2007.

1827 beschrieb der Mathematiker und Physiker Jean-Baptiste Fourier (1768-1830), der sich unter anderem epochemachend mit Wärmeleitungstheorie beschäftigte, in "Mémoire sur les températures du globe terrestre et les espaces planétaires"" erstmals den Treibhauseffekt im modernen Verständnis, also die Tatsache, dass die Erdatmosphäre Wärmestrahlung zurückhält und damit erst höheres Leben auf der Erde ermöglicht. Die von ihm behandelte Wärmestrahlung war die "chaleur obscure", die Infrarotstrahlung, die Friedrich Wilhelm Herschel 1800 in London entdeckt hatte.

Der sowjetische Klimatologe Michail Iwanowitsch Budyko (Vertreter auch der These vom "Pleistocene Overkill") veröffentlichte 1973 den Beitrag "Atmospheric carbon dioxide and climate". Dort rechnet er vor, dass ein Anstieg des CO2-Gehaltes der Luft um 50% die Polarkappen zum Schmelzen bringe, dass andererseits eine Halbierung des CO2-Gehaltes die ganze Erde vereisen könne. 1977 empfahl er, Sulfat-Aerosole (Grundbaustein: Schwefeldioxid, in modernen Rauchgasentschwefelungsanlagen zurückgehalten) in die Stratosphäre einzubringen, falls die globale Erwärmung zu einer ernsthaften Bedrohung des menschlichen Lebens werden sollte. Budyko stand damit im Kontext des sowjetischen Geoengineering, das seit den 60er Jahren Silberjodid verspühen ließ, um regenfreie Paraden zum 9. Mai zu sichern - ein höchst umstrittenes Verfahren, dass auch im Westen gebräuchlich wurde. Inzwischen gilt allerdings, nach Untersuchungen von Eliza Harris, publiziert in "Science", dass Schwefeldioxid "als Gegenspieler der Treibhausgase offenbar weniger effektiv als bisher angenommen" sei (Veröffentlichung der Max-Planck-Gesellschaft vom 09.05.2013).

Ein Zusammenhang zwischen dem CO2-Gehalt der Luft und Klimaprozessen wurde bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert angenommen. 1895 formulierte der schwedische Chemiker Svanten August Arrhenius (1859-1927, Nobelpreis Chemie 1903) seine Theorie des Treibhausgaseffektes, bezogen auf CO2
(Svante Arrhenius, On the Influence of Carbonic Acid in the Air upon the Temperature of the Ground, The London, Edinburgh, and Dublin Philosophical Magazine and Journal of Science 5/41/April 1896, S. 237-276 - vorgetragen erstmals am 11.12.1895 vor der Königlichen Schwedischen Akademie der Wissenschaften). Er stützte sich dabei explizit auf die Vorarbeiten von Fourier, Pouillet und Langley. Arrhenius vermutete auch, dass Wasserdampf in der Atmosphäre eine ähnliche Wirkung habe wie CO2 (S. 248, S. 274). Der Anteil menschlicher Emissionen am CO2-Gehalt der Atmosphäre wird in einem Zitat von Arvid Gustaf Högbom kurz angesprochen (S. 270). Als Hauptursache für erhöhten CO2-Gehalt der Luft in Warmphasen nannte Högbom 1894 vulkanische Ereignisse und Eintrag durch Meteoriten (S. 272).

Arrhenius rechnete bereits vor, welche Veränderungen aktuell (1895 wohlgemerkt) im CO2-Gehalt der Atmosphäre notwendig wären, um die Klimabedingungen des Tertiär bzw. des letzen Eiszeittiefs herzustellen. Ein Anstieg des CO2-Gehaltes der Atmosphäre um das 2,5- bis 3fache hätte ihm zufolge die Temperatur in der Arktis um 8-9 Grad erhöht, eine Reduktion auf 0,62 bis 0,55 Prozent des aktuellen Wertes die Temperatur um 4-5 Grad gesenkt (S. 268).
Arrhenius vertrat allerdings die Auffassung, dass die sekundären Effekte durch Verringerung bzw. Vergrößerung der Schnee-/Eisbedeckung eine größere Abkühlungs- bzw. Erwärmungswirkung hätten als der primäre Effekt von Schwankungen im CO2-Gehalt (S. 269).

1941 schrieb der deutsche Meteorologe und Klimatologe Hermann Flohn (1912-1997) in der "Zeitschrift für Erdkunde" mit Blick auf die Industrialisierung unter dem Titel "Die Tätigkeit des Menschen als Klimafaktor": "Damit wird aber die Tätigkeit des Menschen zur Ursache einer erdumspannenden Klimaänderung, deren zukünftige Bedeutung niemand ahnen kann." Er publizierte vor allem in den 1970er Jahren zahlreiche Beiträge zum menschlichen Einfluss auf das Klima und gilt als einer der einflussreichsten Warner vor der Globalen Erwärmung durch menschliche Tätigkeit.

Lektüreempfehlung: Stephanie Uther, Diskurse des Climate Engineering. Argumente, Akteure und Koalitionen in Deutschland und Großbritannien, Wiesbaden: Springer, 2014





KULTURGESCHICHTE DER NATURVERFÜGUNG 



Eine Kulturgeschichte der Naturverfügung, des konzeptionell manifestierten menschlichen Umgangs mit Natur, muss sich, will sie nicht enzyklopädischen Umfang annehmen, auf bestimmte kulturelle Räume, historische Segmente, thematische Schwerpunkte beschränken oder eine strenge Auswahl treffen. Und wo sie in einem zeitgemäßen Sinne "Kulturgeschichte" sein möchte, darf sie im 21. Jahrhundert nicht mehr schlicht die Kulturgeschichte Europas meinen, ohne dies explizit zu machen.


Mein Anliegen ist, aus unterschiedlichen Regionen und verschiedenen Zeiten Zeugnisse des menschlichen Naturverhältnisses zusammen zu tragen, die uns anregenden Aufschluss geben können über die Weisen, in denen menschliche Kulturen zu verschiedenen Zeiten ihren Bezug zur natürlichen Umwelt, auch am eigenen Körper, konzeptionell organisiert haben. Ein um besondere Exaktheit bemühter Titel hierfür könnte etwa lauten "Konzepte zum Umgang mit der natürlichen Umwelt aus den Kulturgeschichten der Welt". Das in etwas entspannterem Duktus sich anbietende Titelmodell "Beiträge zu einer ..." würde suggerieren, es könne einmal eine tatsächlich umfassende "Kulturgeschichte der Naturverfügung" geschrieben werden, wovon ich nicht ausgehe. Der Zeitgeist hält wenig von summarisch abgeschlossenen Enzyklopädien - und es gibt gute Gründe dafür. So möchte ich es bei der allgemeinen Titelgebung belassen.

Die historisch-zeitliche Reihung der nachfolgenden Beiträge möchte keine Entwicklungslinie suggerieren, dieser Aufbau wurde lediglich zur Organisation des Materials gewählt und zur Orientierung der Leser. Ich gehe weder davon aus, dass Kulturgeschichte sich als lineare Höher- oder Weiterentwicklung angemessen darstellen lässt, noch vertrete ich die Auffassung von einer dekadenten Entwicklung hin zu einer kulturell verengten technologisch-konsumistischen Weltzivilisation.

Eine Organisation des Materials nach logischen Strukturen möchte ich vorläufig nicht vorschlagen. Denkbar wäre zunächst die Unterscheidung danach, ob ein Beispiel eher "die Natur" (eine der problematischsten Abstraktionen menschlicher Denkleistung) in den Vordergrund stellt oder "den Menschen". Was nicht darüber hinweg täuschen darf, dass es immer um menschliche Interessen geht, auch in Positionen, die "der Natur" die unbedingte Priorität einräumen. Bernhard Gill unterscheidet in "Streitfall Natur" 2003 einen utilitätsorientierten Diskurs (Nutzungsinteressen der Menschen steht im Vordergrund) von einem alteritätsorientierten Diskurs (Natur als das zu bewahrende Andere). Quer dazu stünde die Unterscheidung in ein herrschaftlich eingreifendes und ein zulassendes Naturverhältnis. Gill führt darüber hinaus als dritten Typus im Naturdiskurs den identitätsorientierten Diskurstyp an, der Natur mit identitätsbildender Heimat verbindet und insofern schützt und nützt.

Die Bezeichnung "Naturverfügung" - statt etwa "Naturverhältnis", "Naturbezug", "Naturumgang" - wähle ich hier im Titel wegen der breiten Spanne ihrer semantischen Bezüge, von "Herrschaft" ("Verfügungsgewalt") über "Arbeit" (im Marxismus) und "Autonomie" (in Fichtes Rechtslehre) bis zu "Heilung" (Schließen der "Fuge"). Als ihr Stachel fungiert das Konzept der "differance" Jacques Derridas. Der Begriff "Natur" wird dabei von mir offen ausgelegt. Ich habe Beispiele aufgenommen, in welchen mal die "natura naturans" vorrangig gemeint ist, mal die konkreten Naturphänomene ("natura naturata") in den Fokus rücken, mal Natur im Sinn von "Wesen", "Sitten" und/oder "Gesetz" dominiert.



Die These vom Pleistocene Overkill

Vielfältig sind die Hinweise auf frühe menschliche Eingriffe in das Naturgefüge, die zumindest regional erhebliche Konsequenzen hatten. So sinGrafik zur Overkill-These Paul Martin
                          1984d die fruchtbaren Lössebenen des Kraichgau nicht nur Ertrag glazialer Verwehungen aus dem Urstromtal des Rheins, sondern teilweise auch zurückzuführen auf Entwaldungen durch die Michaelsberger Kultur, die städtische Siedlungen in Bereichen anlegte, die heute als Ausflugsziele mit Kapelle oder idyllischen Weinbergen von Ausflüglern besucht werden. Die entwaldeten Kuppen wurden in die Täler gespült, das Großwild verschwand, da es keine Zuflucht mehr hatte. Ähnliches geschah im Mittelmeerraum, von Platon in seiner Beschäftigung mit dem Atlantis-Mythos beschrieben - auch wenn strittig bleibt, ob Platon selbst dafür auch die menschliche Tätigkeit verantwortlich machte, oder nur Naturkatastrophen.

Am massivsten scheinen die ökologischen Konsequenzen in Nordamerika gewesen zu sein, wo in der Zeit um 9.000 v. Chr. alle Großsäuger ausstarben. Für dieses Aussterben, wozu es Parallelen in Südamerika, in Australien und im nördlichen Eurasien gibt, prägte Paul Martin, unter Berufung auf Alfred Russel Wallace ("The World of Life", 1911), den Begriff des "Pleistocene overkill" durch menschliche Jäger. Konkurrierende Theorien gehen von klimatischen Veränderungen (präboreale Oszillation) oder Kometeneinschlägen (die ihrerseits auch Klimaveränderungen bedingten) als Ursache aus. Allerdings zeigt der von Surovell, Waguespack und Brantingham 2005 in einem Paper für die "Proceedings of the National Academy of Sciences" (26.04.2005) durchgeführte Vergleich von Daten aus Afrika, Europa, Asien, Nordamerika und Südamerika eine augenfällige Korrelation zwischen dem Rückgang der Großsäugerpopulationen und dem Auftreten des Menschen - und keine zeitliche Korrelation des Rückgangs auf den verschiedenen Kontinenten - wie dies bei globalen klimatischen Veränderungen als Ursache der Fall sein müsste. Lediglich für einzelne Populationen, wie etwa der des Mammut, werden bislang überzeugende Belege für dominierenden, aber keineswegs ausschließlichen, klimatischen Einfluss vorgelegt.

Auffällig ist der insbesondere in Nordamerika abrupte Rückgang innerhalb einer relativ kurzen Zeitspanne von etwa 1.000 Jahren. Dem korrelieren jedoch keine Daten zu einer vergleichbar dynamischen Entwicklung der menschlichen Population. Verwiesen wird auf die Entwicklung neuer Jagdwaffen. Eine andere Hypothese zur Schließung der Erklärungslücke ist die Brandjagd-These, wonach die Jäger des Peistocene Flächenbrände anlegten und damit die Großsäugerpopulationen über das zur Ernährung notwendige Maß hinaus dezimierten sowie ihnen flächenhaft die Lebensgrundlagen entzogen. Paul Martin sprach gar von einem "Blitzkrieg" des Homo sapiens gegen die Großsäuger in Nordamerika. Für Australien kann davon nach bisherigem Konsens keine Rede sein, hier gab es nach den Untersuchungen von Trueman und Field eine 10.000-jährige Koexistenz von Homo sapiens und Megafauna ("Proceedings
of the National Academy of Sciences", 07.06.2005).

Für die Umsetzung der Formel von der "Bewahrung der Schöpfung" ergeben sich aus der Annahme des Pleistocene overkill dramatische Schlussfolgerungen. "Was late-Pleistocene extinction so effective in upsetting the ecosystem that our National Parks, wilderness areas, and wildlands are an illusion? On a continent where herbivore herds evolved and thrived for tens of millions
of years, can there be a natural community without them?" - Martin in der Einleitung zu Martin/Wright 1967, S. VI.

Lektüreempfehlung: Paul S. Martin/Herbert E. Wright (Eds.), Pleistocene Extinctions. The Search for a Cause. New Haven/London: Yale University Press, 1967



Daniel Quinn: Ismael

Daniel Quinn (*1935) besuchte als Schüler eine private Jesuitenschule, studierte in St. Louis/Missouri und Chicago Anglistik und verbrachte 1955 ein Auslandssemsester in Wien. Nach dem Abschluss seines Studiums bereitete er sich an der Abtei "Our Lady of Gethsemane" in Kentucky auf ein Leben als Trappistenmönch vor, brach allerdings auf Empfehlung seines Mentors Thomas Merton (Autor von "The Way of Chuang Tzu" u.a.) ab, trat später gar aus der katholischen Kirche aus, und wurde, was er schon früh erstrebt hatte, Schriftsteller. In dieser Eigenschaft gründete er in den 70er Jahren eine Schreibgruppe am Stateville-Gefängnis in Illinois. Sein bekanntestes Buch ist "Ismael", beendet 1991, erstmals erschienen 1992, dessen Held ein Gorilla ist, der über Telepathie mit Menschen zu kommunizieren vermag und der bestrebt ist, die Welt vor dem industriell-zivilisatorisch angebahnten Untergang zu retten, indem er Schülern sein Wissen vermittelt. In "Ismael" ist sein Schüler ein weißer Amerikaner mittleren Alters, dessen Namen im Buch nicht genannt wird. Quinn bearbeitete sein Thema nochmals in "Ismaels Geheimnis", 1997 erschienen, nun aus der Perspektive einer zwölfjährigen Schülerin, Julie Gerchak.
 
Ismaels Botschaft ist die vom Sündenfall der Zivilisation, der durch Einsicht zu korrigieren sei. Mit dem biblischen "Im Schweiße deines Angesichts ...", dem Benediktiner und ihre Abkömmlinge, die strengeren Zisterzienser und deren strengere Abkömmlinge, die Trappisten, in besonderer Weise verpflichtet sind, sei dieser Sündenfall religiös perpetuiert worden. Ausdrücklich wird im Roman auch auf das biblische "Macht euch die Erde untertan" hingewiesen. Es sei Teil des zivilisatorischen "Mythos der Nehmer" (Quinn 1992, S. 159).

Die "Nehmer/Taker" sind im Weltbild Ismaels die Vertreter eines linearen Fortschrittsdenkens, Kulturen mit dem Anspruch, genau zu wissen, was "wahr" und "falsch" sei. Sie seien etwa 8000 vor Christus erstmals aufgetreten und haben, so Ismael/Quinn, seitdem die Welt erobert (Quinn 1992, S. 144). Vor ihnen bestimmten die "Lasser/Leaver" die menschliche Präsenz auf dem Planeten Erde, sie wurden jedoch zunehmend von den Nehmern  verdrängt und als "primitiv" diffamiert. Der Unterschied Nehmer-Lasser ist bei Quinn allerdings nicht identisch mit dem zwischen Jäger/Sammler und Ackerbauern. Auch Ackerbauern können "Lasser" sein (Quinn 1992, S. 113) . Allerdings lässt Ismael das Aufkommen der "Nehmer" beginnen mit der "landwirtschaftlichen Revolution" (Quinn 1992, S. 144, Parallelstellen z.B. S. 44 und S. 68). Der amerikanische Biologe Raymond Dasmann unterscheidet in "Toward a Biosphere Consciousness" 1988 zwischen "Ökosystem-Menschen" und "Biosphären-Menschen". Seine Unterscheidung entspricht weitgehend der von Quinn.

In seiner Danksagung zu "Ismaels Geheimnis" verweist Quinn auch auf Richard Dawkins Theorie zum "Egoistischen Gen" (1976) als Inspirationsquelle.


Lektüreempfehlung: Daniel Quinn, Ismael. Goldmann 1992



Sintflut

Die drei bekanntesten Sintflut-Berichte, aus Indien, Babylon und der Levante, sind sich darin einig, dass der auserwählte Mensch - Vaivasvata Manu, Utnapischtim (Uta-napischti), Noah - ein Schiff bauen solle, um für die belebten Wesen das Überleben zu sichern. Im Śatapatha-Brāhmaa bleibt Manu nach der Flut zunächst alleine, doch aus seinen Opfergaben (u.a. Butterschmalz) entsteht im Verlauf eines Jahres eine weibliche Partnerin für ihn, mit der gemeinsam er Nachkommen hat. Im 3. Buch des Mahabharata nimmt Vaivasvata Manu auf sein Schiff "all die verschiedenen Samen mit, welche einst die zweifachgeborenen Brahmanen aufgezählt haben". Dieser Bericht endet mit "Vaivasvata war willens, die Welt neu zu erschaffen". Ähnliche Berichte gibt es in den Puranas (Matsya-Purana und Bhagavata-Purana). Im babylonischen Gilgamesch-Epos nimmt Utnapischtim "allerlei Lebenssamen" mit auf sein Schiff, seine ganze Familie sowie "Vieh des Feldes, Getier des Feldes und alle Werkleute". Am elaboriertesten erscheint die biblische Noah-Erzählung, vermutlich auch die jüngste der drei Legenden, in welcher vier Menschenpaare, sieben Paare von "reinen" Tieren und je ein Paar "unreiner" Tiere auf die Arche gehen.

Wir haben uns daran gewöhnt, die Sintflut-Berichte als Erzählungen von (menschlicher) Schuld und (göttlicher) Strafe zu lesen, dramatisch aufgeladen durch einen (göttlichen) Gnadenakt für eine herausragende Einzelperson, die sich durch besondere Frömmigkeit auszeichnete. Gelesen als Dokumente menschlicher Naturverfügung gewinnen sie eine neue Dimension. Sie werden deutbar als Zeugnisse einer Auffassung, die es Menschen zutraut, eine gewaltige Naturkatastrophe zu überstehen und danach einen ausschließlich kulturell begründeten Neuanfang zu starten, der Züge einer zweiten - nun menschlichen - Schöpfung trägt. Im Mahabharata-Epos wird dieses Moment einer zweiten Schöpfung auch explizit formuliert: "Und Vaivasvata war willens, die Welt neu zu schaffen." Damit wird der Mythos zum kaum überbietbaren Ausdruck menschlichen Selbstbewußtseins im Naturumgang. Lange vor stalinistischem Terraforming und ähnlichen technologischen Großprojekten.

Entsprechungen zu diesen drei Sintflutberichten gibt es in zahlreichen weiteren Kulturen. Bei Hesiod und anderen griechischen Autoren finden wir die "Deukalionische Flut". Deukalion war Sohn des Prometheus, des Menschenfreundes, und dieser befahl ihm, ein Schiff zu bauen, um so mit seiner Frau Pyrrha der Flut zu entkommen. Von Tieren ist hier nicht die Rede, nur die Rettung der Menschen wird thematisiert. Eine Inka-Legende berichtet von einem Lamahirten, den das Verhalten seiner Tiere vor einer Flut warnte. Er stieg mit seiner Familie auf einen hohen Berg und blieb so verschont. Bei den Guarani-Indianern an der Ostküste Südamerikas gibt es die Legende von Tamandere, der mit seiner Frau auf einer schwimmenden Palme gerettet wurde, während alle Berge im Wasser versanken, auf denen seine Gefährten Schutz gesucht hatten. Die Azteken und andere mittelamerikanische Indianer kennen Sintflutlegenden, in denen ein großes Floß gezimmert wurde, dessen Benutzer durch einen Kolibri mit einem grünen Blatt im Schnabel erfuhren, in welcher Richtung sie wieder trockenes Land finden konnten. Auch bei den nordamerikanischen Indianern gibt es Flutberichte - allerdings fällt dort kein anhaltender Dauerregen, sondern Flutwellen überschwemmen das Land. Fast allen Legenden gemeinsam ist der starke Akzent auf den Neuanfang danach.

Diese Berichte können gelesen werden als Nachklänge einer globalen Katastrophe - möglicherweise auch mehrerer unterschiedlicher, regional differenzierter Katastrophen. Die teilweise verblüffenden Motiventsprechungen über Kontinente hinweg lassen sich einmal deuten als Hinweise auf einen Kulturaustausch in frühgeschichtlichen Zeiten, der weit über das uns bislang Bekannte hinausging - es könnte sich aber auch schlicht um Übertragungen bei der Sammlung der nord-, süd- und mittelamerikanischen Legenden im 20. Jahrhundert durch den Atlantologen Charles Berlitz (1914-2003) und andere handeln.


Atharvaveda XII,1 - Hymnus an die Erde

"Die große Hymne an die Erde" wird XII,1 (Kanda XII, Sukta 1, Mantras 1-63) der Atharvaveda in den deutschen Übersetzungen genannt. Im Text gibt es Hinweise auf den Bergbau (Mantra 35), er dürfte daher in der frühen indischen Eisenzeit entstanden sein, am Ende des 2. Jahrtausends vor Christus. Die Atharvaveda gehört nicht zu den kanonisierten Schriften des Hinduismus. Und insbesondere im Hymnus an die Erde begegnet uns eine Weltanschauung, die wenig zu tun hat mit dem, was wir aus den Brahmanas und den Upanishaden kennen. Fremd mutet dieser Text innerhalb der heiligen Literatur des Hinduismus an, erinnernd an den Aton-Hymnus Echnatons. Die Überlieferung besagt, dass an der Abfassung der Texte des Atharvaveda auch Frauen beteiligt waren, während die einige Jahrhunderte jüngeren Texte der Brahmanas und er Upanishaden wohl ausschließlich von Männern geschrieben wurden, Angehörigen der beiden obersten Kasten, der Brahmanen und der Kshatriyas. Matriarchale Traditionen stehen unzweifelhaft hinter diesem Text.

Im Hymnus an die Erde geht es nicht um die Überwindung von Leid und Begehren, um Weisheit und Abkehr von den niederen Sinnen, wie uns dies aus den Upanishaden vertraut ist. Sondern um ein gelingendes praktisches Leben. Die im Hymnus angesprochene "Erde" ("pṛthivī" - die Weite, das weite Land) ist weder eindeutig Schöpfung (natura naturata) noch eindeutig Schöpfungsprinzip (natura naturans). Angesprochen wird vielmehr in einer ausgesprochen pragmatisch anmutenden Weise die Erde, der Planet mit seinen konkreten Gestalt und Materialität selbst - versehen mit Attributen eines nährenden, produktiven Prinzips. So wird die Erde im Mantra 17 explizit als "Mutter der Pflanzen" vorgestellt, an anderer Stelle (Mantra 10) als die Menschen nährende "Mutter Erde" (
"pṛthivī mātā"). Eines ihrer wichtigsten Attribute ist der Wald (11, 27). Daneben werden die wärmende Sonne (Mantra 15) und Prajāpati, der androgynen Schöpfergott der Veden (Mantra 43) genannt. Allerdings bleibt dessen Funktion untergeordnet, denn es ist die Erde, "die alles im Schoße trägt". Die männliche Ergänzung der Erde, ihr Gatte Parjanya, zuständig für den Regen, wird gleichfalls nebenbei gewürdigt (Mantras 12 und 42). Erwähnt wird auch Agni, in den wohl nachträglich eingefügte Mantras 19 und 20. Die Götternamen erscheinen eher pflichtgemäß eingestreut, Opfer und Zauber spielen eine untergeordnete Rolle in diesem Text - anders als in sonstigen Textes der Atharvaveda.

Die Anrufung der Erde in diesem Hymnus bleibt nahe an den konkreten Erscheinungen. Besonders bemerkenswert ist dabei Mantra 35, das anmutet wie eine Selbstverpflichtung zu nachhaltigem Naturumgang: "Was ich von dir, o Erde, ausgrabe, das soll schnell zuheilen. Laß mich, o Reinigende, nicht deine empfindliche Stelle, nicht dein Herz durchbohren!" Hier wird offensichtlich der Bergbau angesprochen, was auch die Datierung auf den Beginn der indischen Eisenzeit nahelegt. Kein Opfer zum Ausgleich der Eingriffe wird angeboten, der Text verweist vielmehr pragmatisch auf die Selbstheilungskräfte der Natur - verbunden mit dem Versprechen rücksichtsvollen Umgangs.


Prometheus-Mythos

Der Prometheus-Mythos ist uns umfangreich überliefert einmal in der Theogonie des Hesiod (ca. 740 bis 670 v. Chr.), verfasst in der ersten Hälfte des 7. vorchristlichen Jahrhunderts, einmal in einer Tragödie des Aischylos ((wobei diese Zuschreibung von einigen Wissenschaftlern angezweifelt wird, der Zeus-Darstellung wegen), "Der gefesselte Prometheus", vermutlich um das Jahr 472 v. Chr. entstanden.

Bei Hesiodin in der "Theogonie"  begegnet uns Prometheus als listiger Gott, der den Göttervater Zeus gelegentlich im Interesse der Menschen an der Nase herumführt und von diesem dafür bestraft wird. Zwei Stellen gibt es zu dieser Strafe bei Hesiod, die nicht eindeutig in Einklang zu bringen sind, zunächst wird in den Versen 521-534 Prometheus an einen Felsen gekettet, ein AdPrometheus
                        Griechischer Tellerler frisst die immer wieder nachwachsende Leber des Gefesselten. In den Versen 613-616 könnte als Fessel ("desmos") aber auch das "Geschlecht und Volk der Weiber" ("genos kai phyla gynaikon") verstanden werden, das in den Versen davor (591-612) in reichlich burlesk-komödiantischer Weise als Fessel der Menschheit (=Mannheit) geschildert wird. Wollte Hesiod hier - zur Unterhaltung des (männlichen) Publikums seiner Rhapsodie - signalisieren, dass Verheiratetsein so schlimm sein könne wie das Schicksal des Prometheus?
 
In Hesiods "Werke und Tage", wird der Mythos sachlicher und knapper vorgestellt - wobei der zeitliche Bezug zur "Theogonie" umstritten ist. Hier ist es nicht das Geschlecht der Frauen allgemein, das der Menschheit Unheil bringt, sondern lediglich Pandora, die über den Bruder des Prometheus, Epimetheus, zu den Menschen gelangt. Allerdings bleiben die Ausführungen mehrdeutig, zumal das Altgriechische für "Mann" und "Mensch" das gleiche Wort "anthropos" verwendet. Die Fesselung des Prometheus an den Felsen wird in "Werke und Tage" nicht erwähnt, Zeus wendet sich an Prometheus lediglich in den Versen 53-56 mit der Drohung, er werde sich "dir selber und den kommenden Menschen zum Unheil" rächen für den Feuerraub - und zwar, wie dann in den nachfolgenden Versen ausgeführt wird, durch die Schaffung der Pandora. Diese Zuspitzung könnte der Abfassung des Textes als
Mahnung für Hesiods Bruder Perses geschuldet sein, dem Hesiod Habgier vorwarf - aber darüber hinaus als Mahnung für die zeitgenössische Gesellschaft insgesamt.

Aischylos stützt sich auf Hesiod, aber vermutlich auch auf andere, uns unbekannte Quellen. Prometheus erscheint bei Aischylos ganz explizit als Menschenfreund, als Kulturbringer, gar als Erlöserfigur, die gegen den strafenden Zeus die Interessen der Menschheit verteidigt.

Im 20. Jahrhundert wurde Prometheus aus technikkritischer Position zum Symbol einer selbstzerstörerischen Technokratie, die insbesondere durch die Anhäufung der Atomwaffenarsenale, aber auch durch rücksichtslose Ressourcenausbeutung und Umweltverschmutzung das Leben nicht nur der Menschen auf dem Planeten ernsthaft bedroht. In der amerikanischen Forschung zum Naturverhältnis der Sowjetunion (Stephen Brain, Douglas Weiner) werden als "Promethians" die Vertreter einer Position bezeichnet, die Natur als beliebige Verfügungsmasse des menschlichen Zugriffs verstehen und eine vollständig technologisch verfügte und gestaltete Umwelt als Ideal anstreben. Klaus Heinrich hat dem eine Rehabilitation der Prometheus-Figur als kritischen Aufklärer im politisch-sozialen Verständnis gegen alle Formen von Herrschaft - auch die einer totalitären Herrschaft über die natürliche Umwelt - entgegen gehalten.

Lektüreempfehlung: Klaus Heinrich, Dahlemer Vorlesungen 8. Gesellschaftlich vermitteltes Naturverhältnis. Begriff der Aufklärung in den Religionen und der Religionswissenschaft. Frankfurt (Main)/Basel: Stroemfeld, 2007

Abbildung: Griechische Schale 550 v.Chr.



"Bewahrung der Schöpfung" oder "Macht euch die Erde untertan"?


Das Christentum wurde von der Ökologiebewegung lange als ideologisch mitverantwortlich für den menschlichen Raubbau an der Natur angesehen. Die biblische Forderung "füllet die Erde und machet sie euch untertan" (1. Mose 1,28 - Lutherbibel 1984), das "Dominium terrae", sei die Grundlegung für eine jahrhundertelange Ausbeutung der Naturressourcen im menschlichen Interesse. Ausgearbeitet wurde diese Position vor allem durch den Technikphilosophen Lynn Townsend White, der 1966 in seinem Aufsatz "The historical roots of our ecological crisis" die jüdisch-christliche Begründung der Naturbeherrschung als Motor der Industrialisierung und Naturausbeutung vorstellte. Kritisch setzte sich mit seinen Thesen der Theologe Udo Krolzik auseinander in "Umweltkrise - Folge des Christentums?", 1979. Nach seiner Überzeugung schuf erst die Säkularisierung die Voraussetzungen für eine umweltzerstörende Naturbeherrschung (Krolzik 1979, S. 84).

1983 einigte sich auf Anregung der DDR-Delegation und des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel - im Gedenken des Atombombenabwurfs auf Hiroshima, mit Blick auf das anhaltende Wettrüsten und die Umweltkrise - die Vollversammlung des (christlichen) Weltkirchenrates in Vancouver auf einen  "konziliaren Prozess gegenseitiger Verpflichtung auf Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung/Conciliar Process of mutual commitment to justice, peace and the integrity of creation". Dieser Ansatz kann sich gleichfalls auf Bibelstellen berufen, so insbesondere auf 1. Mose 1,31 ("Und Gott sah, dass es gut war.") und 1. Mose 2,15 ("Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.")

Die relevanten Bibelstellen stammen allerdings aus dem Alten Testament. Im Neuen Testament finden sich keine vergleichbaren Passagen. Der Begründer des Christentums und seine frühen Anhänger haben sich ganz offenkundig für den Umgang mit den weltlich-natürlichen Ressourcen, mit der konkreten Schöpfung wenig interessiert - anders als etwa 600 Jahre später Mohammed und seine Anhänger. Dies kann allerdings auch vor dem Hintergrund verstanden werden, dass die Tora für Christus und das frühe Christentum weiterhin (mit den Modifikationen und Ergänzungen des "ich aber sage euch") in Gültigkeit blieb und als Teil des Alten Testamentes bis heute im Christentum Bestand hat. Die neue Botschaft des Christentums bezog sich auf das Verhältnis der Menschen untereinander und zu Gott, nicht auf ihr Schöpfungsverhältnis. Natur erscheint im Neuen Testament als genutzte Natur, als Weinberg, Olivenhain, Schaf- oder Schweineherde - und dies nur randständig.

Für die umstrittene Stelle 1. Mose 1,28 wird in jüngerer Zeit gefragt, ob die gängigen Übersetzungen dem Gemeinten gerecht werden, ob nicht eher ein gleichsam gärtnerischer Umgang (wie ihn 1. Mose 2,15 nahelegt) intendiert gewesen sei. Doch sind die Originalquellen in ihren Aussagen eindeutig. Das hebräische "
rə·ḏū" bedeutet "regiert", "ḵiḇ·šu·hā" bedeutet "unterwerft/nehmt in Besitz". Und so haben das auch die Verfasser der Septuaginta verstanden. Dort steht: "καὶ κατακυριεύσατε αὐτῆς καὶ ἄρχετε" - "und unterwerft sie (die Erde/" τὴν γῆν") und regiert (die Fische ...)". Der Theologe und Kabarettist Matthias Schlicht hat 1999 in einem Vortrag zur Gentechnik angeführt, dass "radah" im fruchtbaren Halbmond auch das Verhältnis eines Hirten zur Ziegenherde benennen konnte und "kabasch" biblisch auch die Urbarmachung von Land bezeichne (Josua 18). Nun geht es in Josua 18,1 allerdings um Landteilung nach einer Eroberung/Unterwerfung - und Urbarmachung wird in Josua 17,18 als Waldrodung angesprochen, mit einem Wort, das eher Kahlschlag meint als gärtnerische Pflege.

Es bleibt also festzuhalten, dass das 1. Buch Mose für beide Positionen Unterstützung bietet, für die moderne "Bewahrung der Schöpfung" ebenso wie für ein radikales "Macht euch die Erde untertan", wie von Bacon und Descartes bis ins 20. Jahrhundert hinein gelesen. Allerdings ist für beide Positionen keine spezifisch "christliche" Herleitung aus den kanonisierten Schriften des Christentums möglich. Einen Schlüsseltext zum Verständnis des Kulturprozesses, der die beiden Positionen strukturierte, bietet "Iudicium Iovis" von Paulus Niavis, 1495. Der Text wird weiter unten vorgestellt.

Lektüreempfehlung: Udo Krolzik, Umweltkrise - Folge des Christentums? Stuttgart/Berlin 1979



Die Hängenden Gärten von Babylon


In der Regierungszeit des babylonischen Königs Nebukadnezar II. (geboren ca. 640, Regierungszeit 605 bis 562 v. Chr., zuvor schon ab 620 von seinem Vater eingebunden in die Regierungsgeschäfte) wurden das Ischtar-Tor errichtet, die Medische Mauer gebaut, der Turmbau zu Babel vollendet und die Hängenden Gärten angelegt.Die Hängenden Gärten
                          von Babylon

Die Hängenden Gärten als eines der sieben Weltwunder der Antike werden üblicherweise mit dem Namen der Semiramis verbunden, einer Königin, die etwa 200 Jahre vor Nebukadnezar in Babylon regierte. Nach den Ausgrabungen und Untersuchungen Robert Koldeweys handelte es sich allerdings eindeutig um ein Bauwerk Nebukadnezars, errichtet für seine Frau Amyitis, die aus dem Land der Meder stammte, einer grünen und bergigen Region südlich des Kaspischen Meeres. "Hängend" ist dabei keine stimmige Bezeichnung, basierend auf dem griechischen "kremastoi", das auch "schwebend" bedeuten kann. Es handelte sich offensichtlich um begrünte Gebäudeterrassen, ein erstes Vorbild also für das, was Harry Glück in Wien, Alt-Erlaa, 1973-1985 bauen ließ und was heute Architekten wie Rüdiger Lainer weiter verfolgen. Die Bewässerung der Terrassenanlage wurde durch einen Paternoster bewerkstelligt, dessen Reste Koldewey entdeckte.

Wer die Hängenden Gärten in ihrer Bedeutung für die Kulturgeschichte der Naturverfügung verstehen möchte, darf den Bezug zu den anderen Bauwerken Nebukadnezars nicht unterschlagen. Auf Nachhaltigkeit waren die Hängenden Gärten so wenig angelegt wie Turm und Mauer - es ging um die Bedürfnisse einer kleinen Elite, um Herrschaft und ihren Erhalt. Die Hängenden Gärten sollten uns daher aufmerksam machen für die Ambivalenzen auch grüner Utopien - sichtbar geworden zuletzt in den fatalen Konsequenzen der Förderung von Biosprit. Schlecht eingesetzt zerstört auch ein ökologisch fundierter Ansatz die Landschaft und soziale Systeme, klug eingesetzt kann selbst der Bagger auf der Almwiese Landschaft und Biodiversität steigern, wie das Permakulturkonzept des Sepp Holzer zeigt, das Geoengineering im Kleinen einsetzt unter der Prämisse, die Natur anschließend weitgehend alleine machen zu lassen. Was Holzer macht hat lehrreiche Vorläufer etwa in den Klosteranlagen der Zisterzienser.

Festzuhalten bleibt: Auch grüne Utopien haben einen substantiellen Bezug zu dem, was die Kulturgeschichte am Beispiel des Turmbaus zu Babel aus alttestamentarischer Sicht als "Hybris" brandmarkt, der (göttliche) Strafe auf den Fuß folge ("Hochmut kommt vor dem Fall"). Die Hängenden Gärten verbildlichen ein positives Potential menschlicher Intervention im Naturhaushalt, heute verengt als "Ausgleichsmaßnahmen" gehandelt. Der Turmbau zu Babel sollte uns aber zugleich an die notwendige Bilanzierung kultureller, sozialer, politischer und ökologischer Kosten aller, auch ausgleichender, Eingriffe erinnern.



Dào Kě Dào Fei Cháng Dào

Wenig wissen wir über Laozi (Laotse, Lao-tse, Lao Tzu, Laudse, Lau-dse), die Referenzperson des Daoismus, dem Brecht das Gedicht "Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration" (1938) widmete. Die Botschaft des Brechtschen Gedichtes ist, dass ohne Fragende, ohne Schüler auch der Weise, auch der beste Lehrer spurlos vergehe. Von der Lehre des Laozi teilt uns Brecht, aus dem Munde eines Knaben, der den Ochsen des Reisenden führt, mit: "Daß das weiche Wasser in Bewegung/Mit der Zeit den harten Stein besiegt."

Die in China verbreiteten Legenden vom Leben des Laozi nennen für sein Wirken den Beginn der "Zeit der Frühlings- und Herbstannalen", als die ersten bekannten chinesischen Philosophenschulen sich um die Lehre der richtigen Staatsführung im Lernen aus der Geschichte bemühten. Laozi sei in dieser Zeit als Archivar am Hof von Zhou beschäftigt gewesen und auch als besonders gelehrt in den Philosophenschulen gerühmt worden. Einmal sei der junge Kongzi/Konfuzius (551-479) zu ihm gekommen, habe aber keine ihn befriedigenden Antworten auf seine Fragen bekommen und sei enttäuscht wieder abgereist. Bald darauf habe Laozi den Hof verlassen, um sich auf Wanderschaft ("Emigration" ist eine Deutung Brechts) zu begeben. Die chinesische Überlieferung spricht von einem Wasserbüffel, auf dem Laozi gereist sei. Unterwegs habe er auf die Bitte eines Grenzwächters hin seine Lehre, das Daodejing niedergeschrieben. Angedeutet wird auch, dass er auf seiner Wanderung später an den Ganges gekommen sei und dort den Buddha (563-483 nach der "Langen Chronologie") getroffen habe. Und in der Tat gibt es zwischen dem frühen Buddhismus und dem Daoismus signifikante Übereinstimungen.

Ob es Laozi indes wirklich gab ist umstritten. Möglicherweise ist er eine Erfindung der Daoisten, die im 3. Jahrhundert mit den Konfuziusanhängern um die Vorherrschaft im politischen Beratergewerbe rangen - als Vertreter der "reinen" Lehre des Dao gegenüber seiner Formalisierung im Konfuzianismus. Die historischen Belege und die Rezeption in China sprechen dafür, dass es sich beim Daodejing um eine Sammlung überlieferter Weisheiten verschiedener Eremiten, Geschichtsschreiber und Philosophen handelt, die erst um 300 v. Chr. kanonisiert wurde, möglicherweise durch Zhuangzi (365-290). Über das Dao sagt Zhuangzi (in der Übersetzung von Thomas Merton/Johann Hoffmann-Herreros): "'Tao' sagen, ist: ein 'Nicht-Ding' nennen. Tao ist nicht der Name von etwas, 'was existiert'."

Das Daodejing beginnt mit einem Epigramm aus zwei Sätzen. Der erste Satz sagt uns über den "Weg", die Wegleitung, das richtige Leben, die gelingende Staatsführung, die Methode der Wahrheitsfindung, das Dao, dass wir im Rahmen der Identitätslogik nichts über das Dao aussagen können. Dies wird im folgenden Satz auch über die Anrufung/die Namen der Dinge (des Seienden) gesagt. Gemeinhin wird dies übersetzt im Sinne von: Was immer wir über das Dao sagen können, erfasst dieses nicht. Was immer wir über die Namen des Seienden sagen, erfasst diese nicht.

Der Daoismus wird in der westlichen Rezeption als naturphilosophisches Konstrukt verstanden. Der Theologe, Missionar, Pädagoge und Sinologe Richard Wilhelm hat entschieden darauf aufmerksam gemacht, dass der Daoismus nicht zu reduzieren ist auf die Lehre des Daodejing, welche als eine moralphilosophische Umsetzung des älteren Daoismus verstanden werden kann. Von Interesse für uns heute ist die Ableitung einer Morallehre aus naturphilosophischen Prinzipien, was dem westlichen Denken keineswegs fremd, aber doch etwas verdächtig ist. Bei Heraklit finden sich Ansätze dazu, Epikur hat dergleichen unternommen, Spinoza griff dies auf, aktuell arbeiten naturethische Positionen sich daran ab.

Das erste Epigramm - gemeinsam mit dem zweiten - macht deutlich, wo der Link zwischen Naturphilosophie und Moralphilosophie zu sehen ist. Was in westlicher Philosophie Geist, Erstes Prinzip, Erster Beweger wäre, in westlicher Religion der unsagbare Gott, Demiurg und Bewahrer, ist hier das Dao, ein Prinzip, das sich selbst sein Anderes ist, das keinen Satan, keinen Sündenfall, keine Materie als sein Anderes fordert, an dem es arbeiten muss, gegen das es sich zu behaupten hat als Herr und Meister. Der Weg, das Dao ist auch der Nicht-Weg. Die begriffliche Welt ist auch die unbegreifbare Welt. Der Daoismus bietet einen Ansatz, Natur nicht als defizitär, als erlösungsbedürftig, als durch den Menschen zu seiner Erfüllung zu bringendes Mängelwesen zu lesen, sondern als Lehrwerk - auch für ein Moralsystem, das nicht auf Strafen oder Erziehen basiert, sondern auf Folgerichtigkeit und Ausgleich.


Lektüreempfehlung: Thomas Merton, Sinfonie für einen Seevogel. Geschichten und Meditationen des Zhuangzi, Ostfildern: Patmos, 2012



Platons Atlantis-Berichte

Die beiden späten Dialogen "Timaios" und "Kritias" (vermutlich nach 360 v. Chr. entstanden) enthalten Platons Thematisierung des Atlantis-Mythos, wobei "Kritias" gar den Nebentitel "Atlantikos" trägt. "Kritias" wurde nach "Timaios" geschrieben und verweist ausdrücklich auf das bereits im "Timaios" Gesagte (108e).

Im "Timaios" beginnt die Atlantis-Erzählung mit einem Bericht des Solon von einer Ägyptenreise. Dort haben ihm die Priester von Saïs Geschichten über die "alten Zeiten" der Stadt Athen erzählt. Zunächst erwähnen sie kurz die Deukalionische Flut und den nachfolgenden Neuanfang durch Deukalion und Pyrrha (22a, 22b). Dann folgt eine grundlegende Reflexion über die "(v)iele(n) und mannigfache(n) Vernichtungen der Menschen", z.B. die im Phaëton-Mythos berichtete durch "eine Abweichung der am Himmel um die Erde kreisenden Sterne" - lesbar als Meteoriteneinschlag oder erhöhte Sonnenaktivität (22c, 22d). Der "Timaios" beschreibt auch in Grundzügen die Topographie von Atlantis und ihre Position im Atlantik. Im "Kritias" wird das Staatswesen der Atlantiden differenziert beschrieben, vor allem aber wird die Gesellschaft der Ur-Griechen und ihre militärische Auseinandersetzung mit den Atlantiden geschildert, als diese Richtung
Athanasius Kircher Atlantis 1664Europa und Asien expandierten. Dabei wurden sie von den Griechen, insbesondere den Athenern, erfolgreich gestoppt - ehe Attika teils und Atlantis vollständig durch eine Naturkatastrophe zerstört wurden.

Die Atlantis-Erzählung bei Platon wird heute in den Wissenschaften vorwiegend gedeutet als Versuch Platons, seine eigenen Staats- und Gesellschaftsauffassung durch einen fiktiven historischen Bezug zu legitimieren. Als Tatsachenberichte wurden die beiden Texte  bislang vor allem von Atlantis-Erforschern aufgefasst, von Athanasius Kircher über Ignatius Donelly und Paul Schliemann bis Charles Berlitz. Ex negativo lässt sich die geringe Neigung der zeitgenössischen Wissenschaftsgemeinde, seine Ausführungen wörtlich zu nehmen, auch begründen durch die massive Erschütterung, die dies für die Fortschrittsidee bedeutet. Die Vorstellung, unsere kulturelle Entwicklung sei als weitgehend kontinuierlicher Anstieg von Wissen und Kunstfertigkeit - mit gelegentlichen Rückschlägen - zu verstehen, steht eher hilflos vor Berichten, wonach unsere Vorfahren mehrmals die Schrift und damit verbunden eine Hochkultur erlernt und wieder vergessen/verloren hab
en.

Insbesondere gibt uns dies für die Zukunft erhebliche Unsicherheiten. Bei der Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse in risikobehaftete wirtschaftliche Projekte wird angesichts ungelöster Probleme (Endlagerung radioaktiver Abfälle, Rückbau oder Kontrolle stillgelegter Atommeiler, Ersetzung verbrauchter Ressourcen, Plastikmüllentsorgung etc.) stets darauf verwiesen, dass die Menschheit bei der zu erwartenden weiteren Entwicklung diese Probleme selbstredend erfolgreich lösen werde. Platon erschüttert diesen Glauben mit seiner Atlantis-Geschichte nachdrücklich, hält jedoch am Sinn der Bemühungen um eine Verbesserung der Verhältnisse fest. Dies mit einem Projekt gesellschaftlicher Organisation, das anmutet wie die Wiederinstallation eines historisch für den Mittelmeerraum überholten Kastensystems, das es den "alten" Griechen - 9.000 Jahre vor Platon, zum Beginn der präborealen Oszillation mit einem Meeresspiegelanstieg von ca. 9 Metern! - ermöglicht habe, gegen die Heeresmacht der Atlantiden zu bestehen.

Die Entsprechungen in den diversen Sintflut-Legenden und vor allem die Koinzidenz mit dem Beginn der präborealen Oszillation sind durchaus Argumente dafür, hinter den Platonschen Atlantis-Berichten einen historischen Wahrheitskern zu vermuten. Dass Platon die historische Überlieferung - sofern es sie tatsächlich gab - für sein ideologisches Anliegen zupass kam und entsprechend von ihm überformt und ausgestaltet wurde, ist anzunehmen. Bislang fehlen allerdings hinreichende archäologische Evidenzen. Was gegen die Existenz einer Hochkultur mit Ausstrahlung in den Mittelmeerraum in der Zeit um 10.000 vor Christus spricht, ist auch das Fehlen entsprechender Befunde aus Ägypten, dem Land, das laut Platon die Erinnerung an Atlantis und die zeitgleich lebenden hochentwickelten Ur-Griechen bewahrte.

In unserem Kontext sind Platons Berichte vor allem aufschlussreich als Zeugnisse eines intensiven Bewußtseins von der Verletzlichkeit menschlicher Zivilisation, ihrer Abhängigkeit von Naturprozessen, von Veränderungen der Umweltbedingungen und Katastrophen natürlichen Ursprungs.

Abbildung: Atlantis-Karte von Athanasius Kircher, aus seinem "Mundus subterraneus", 1664-68, Norden liegt unten.


"Natur" im Neuen Testament


Im Neuen Testament kommt Natur im allgemeinen Sinne von natürlicher Umwelt kaum vor. Wenn sie komplex erscheint, so als bloße Kulisse, als Inszenierungsangebot für Wunder, etwa beim Gehen über Wasser und bei der Besänftigung eines Sturmes, oder in Topoi der Leidensgeschichte als menschlich gestaltete Natur, etwa im Garten Gethsemane. Individualisierte Naturphänomene dienen häufig positiv als Bild für Christus oder seine Anhänger, wobei Weinstock und Ölbaum, also zwei der wichtigsten Kulturpflanzen, dominieren. Gelegentlich ist ein negativer Bezug auffallend, so wird ein Feigenbaum verflucht, da er keine Früchte trägt (Markus 11,14) und Schweine werden zum Blitzableiter für das Böse (Markus 5,13). Wobei wir auch hier von gleichnishaft-bildlicher Rede ausgehen müssen, bei der Deutung des Sachbezuges ist also Vorsicht geboten.

Konzeptionell erscheint Natur gelegentlich im Neuen Testament im Sinne einer allgemein Naturordnung - mit deutlich kultureller Formatierung. So etwa in Römer 11,24, wo ein "von Natur" ("kata physin") wilder Ölzweig "wider die Natur" ("para physin") auf einen veredelten gepropft wird. Thematisiert wird als Teil dieser Ordnung auch die "menschliche Natur" in einem diffus biologisch-sozialen Referenzrahmen. Dies geschieht zumeist in lehrhaften Kontexten, was nicht erstaunt angesichts der dezidiert gesellschaftlichen Ausrichtung schon des frühen Christentums.

Zur Natur des Menschen äußern sich die Evangelisten in jenem bekannten "Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach." So etwa in Markus 14,38 ("To men pneuma prothumon he de sarx asthenes." Die Verbindung von "fleischlich" und "menschlich" stellt der 1. Korintherbrief 3,3 her: "Eti gar sarkikoi este hopou gar en hymin selos kai eris kai dichostasiai ouchi sarkikoi este kai kata anthropon." Sündiges Fleisch, leibliche Lüste, Fleischgenuss (wobei unklar bleibt, ob nur Opferfleisch gemeint ist oder Tierfleisch allgemein) sind zentrale kritische Themen im Römerbrief wie im ersten Korintherbrief. "Menschliche Natur" ist damit aufs engste assoziiert. Es ist daher wenig überzeugend, wenn die Lust- und Leibfeindlichkeit des Christentums, wie häufig geschieht, erst auf Augustinus zurückgeführt wird.

Im 1. Korintherbrief 11,14 werden lange Haare bei Männern gezeichnet als gegen das gerichtet, was die Natur lehrt ("he physis didaskei"). Gelegentlich werden auch einander gegenübergestellt das Geistige ("to pneumatikon") und das seelische-sinnlich-naturhafte ("to psychikon") - so 1. Korintherbrief 15,46. Dass Menschen auch von Natur ("physei") gut handeln können, lehrt Römer 2,14.


Die Welt als Garten I: Der christliche Klostergarten

Das Christentum ist über den verlorenen Paradiesesgarten des Alten Testamentes mit dem Gartenthema signifikant verbunden. Doch im Neuen Testament erscheint das Thema kaum. Einzig der Garten Gethsemane, der Garten der Ölpresse, hat herausragende Bedeutung - in der Leidensgeschichte Jesu. Erst mit der Regula Benedicti, 66.6, wird der Garten zu einem prägnanten Bild im Christentum, als zentraler Bestandteil monastischer Lebensführung. Die Regel 66 handelt von der Autarkie des Klosters, die unter anderem durch einen eigenen Garten ("hortus") gesichert werden solle, um die Mönche von jeder äußerlich-weltlichen Zerstreuung abzuhalten. Damit begann die Erfolgsgeschichte christlicher Klöster als Zentren der landwirtschaftlich-gärtnerischen Entwicklung, in der insbesondere die Benediktiner und ihre reformistisch-strengeren Abkömmlinge, Zisterzienser und Trappisten, sich auszeichneten. So wurde beispielsweise das Wissen um den Olivenanbau am nördlichen Mittelmeer während der mittelalterlichen Kältezeit in Benediktinerklöstern bewahrt und der Olivenanbau dann in der spätmittelalterlichen Wärmezeit  von diesen Klöstern ausgehend neu belebt.

Klöster entstanden häufig auf Rodungsinseln, mit welchen die Klostergründungen auch zu Pionieren in der Erschließung noch unbesiedelter Regionen wurden. Damit konnten sie anschließen an Josua 17,18 - im  Zuge der Eroberung kanaitischer Gebiete wurde dem Stamm Josephs ein Berggebiet zur Rodung übergeben. Die erste Benediktinergründung auf dem Monte Cassino 529/540 wurde exemplarisch, angelegt im Bereich eines ehemaligen Apollotempels und einer römischen Befestigungsanlage, zerstört 577 (Langobarden), neu besiedelt 717, erneut zerstört 883 (Sarazenen) und im Gefolge immer wieder aufgrund seiner strategisch bedeutsamen Lage umkämpft.

Die benediktinische Regel des "ora et labora" befreit die Arbeit (als Arbeit mit den Händen, am natürlich Vorhandenen), von dem Makel, der ihr insbesondere in der griechischen Stadtkultur anhaftete und den Juden- wie Christentum mit der Strafe nach dem Sündenfall ("im Schweiße deines Angesichts") verbanden. Dafür hatte bereits Augustinus in "De Genesi ad litteram" 8,8 die Voraussetzungen geschaffen, indem er darauf hinwies, dass auch vor dem Sündenfall gearbeitet wurde, jedoch als Mitarbeit an der Schöpfung Gottes. Ein Ansatz, den das Mönchstum für seine Arbeit gleichfalls reklamierte. Insbesondere der Klostergarten sollte so zu einem Spiegelbild des Paradiesgartens werden. Ein "Paradies auf Erden" zu schaffen, war also nicht erst die Idee chiliastischer Strömungen von Joachim über die Quäker und andere protestantische Gruppen bis zu Teilen des Marxismus. Interessant ist der Unterschied zwischen östlichem und westlichem Mönchstum, auf den Udo Krolzik hingewiesen hat: Während im östlichen Mönchstum auch sinnlose Arbeit als hilfreich auf dem Weg zum Heil angesehen wurde, gab es im westlichen Mönchtum (das diese Auffassung durchaus auch kannte) eine starke Tendenz, sinnlose Arbeit zu vermeiden und ermüdende Arbeit durch Maschinen zu ersetzen, so ist bereits aus dem 6. Jahrhundert etwa der Ersatz von Getreidemahlen per Hand im Kloster durch eine Wassermühle dokumentiert (Krolzik 1979, S. 179).

Gut dokumentiert ist der Beitrag der Benediktinergründungen zwischen dem 7. und dem 10. Jahrhundert zur Kultivierung Österreichs. Die Ungarneinfälle brachten Rückschläge, doch ab 1060 expandierten die Klöster erneut und leisteten dann vor allem in der Barockzeit einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung und Stabilisierung des Habsburgerreiches, dessen Gärten heute gelegentlich als Ausdruck einer "Gartenmanie" der Habsburger gewertet werden. Referenz der österreichischen Feudalgärten waren dabei unter anderem die barocken Gartenanlagen des Benediktinerstiftes Melk, die ideologisch den Paradiesgarten, praktisch unter anderem den englischen Landschaftsgarten zitierten.

Udo Krolzik, 'Macht Euch die Erde untertan ...!' und das christliche Arbeitsethos. In: Klaus M. Meyer-Abich: Frieden mit der Natur, 1979



Die Welt als Garten II: Gärten des Islam


610 Jahre nach Christi Geburt und vier Generationen nach der Gründung des ersten christlichen Klosters auf dem Monte Cassino hat der Begründer des Islam, Mohammed ibn Abd Allah, nach eigenem Bericht sein Erweckungserlebnis, während des Ramadan, des "heißen Monats" im arabischen Kalender. Die Gestaltung dieses Erlebnisses in der Sure 96 zeigt das Vorbild der Psalmen, Mohammeds Auftreten orientierte sich an den Figuren von Mose und Jesus, die im Koran beständig präsent sind, auch namentlich. Aufgewachsen im multireligiösen Pilgerort Mekka, bei einem mit dem Pilgerwesen beruflich befassten Großvater, war Mohammed mit der jüdischen und mit der christlichen Überlieferung bestens vertraut. Von ihnen übernahm er den radikalen Monotheismus, den er verband mit einer Neubelebung des Tieropfers und mit vormonotheistischen Göttlichkeitsvorstellungen, die das Numinose als andauernd in der Schöpfung tätig wirksam ansahen.
Isfahan
                          Bagh-i Hizar Jarib
Die Auffassung der andauernden Präsenz des Schöpfers in der Schöpfung bedingte eine andere Haltung zur natürlichen Umwelt als sie das Christentum entwickelte. Sie ist zu lesen vor dem Hintergrund, dass der Koran beide Traditionen beerben und wenden wollte, die christliche und die jüdische, als Erneuerung der Religion Abrahams, wie Mohammed seine Sendung verstand. Wo das Christentum zum Weltverhältnis auf das Alte Testament verweisen konnte, beansprucht der Koran eine eigenständige Position und Lehre. Dazu stammt der Koran aus einer Region, die weit trockener war und  schwieriger zu bewirtschaften als die Levante. Ein achtsamer Naturumgang, insbesondere mit der Ressource Wasser, ergab sich als unabdingbar. Dies spiegelt sich etwa in der Sura 4:119 wider. Dort ist es der Satan, der bedinge, dass die Menschen, Ungläubige, die Schöpfung verunstalten! In der Sura 55:10 wird deutlich gemacht, dass die Schöpfung nicht für den Menschen alleine, sondern für alle Geschöpfe gemacht sei.

Insbesondere das Bild des Gartens hat die Naturauffassung des Islam nachhaltig geprägt. So finden wir im Koran 150 Stellen zu Garten ("dschanna"), davon 59 Stellen zum Paradiesgarten als ursprünglicher Behausung Adams und Evas sowie Erfüllungsort jenseitiger Verheißung. In der Sura al-Baqara, 2:265, erscheint der Garten als verheißungsvolles Bild für die Gläubigen, die wohltätig sind nicht zur Selbsterhebung und des gesellschaftlichen Ruhmes wegen, sondern einzig um Allah zufrieden zu stellen und für sich selbst (anfusihim). Dem gegenüber steht der Stein, der von einer Schicht Muttererde überzogen ist, die bei Regen abgespült wird (Sura 2:264) - während der Garten bei Regen reiche Früchte trägt. Charakteristisch für den Garten im Koran ist, dass ein Wasserlauf ihn durchzieht. Dies bestimmt auch die realen Gärten des islamischen Kulturkreises, die sich zudem durch eine streng geometrisch-rechwinklige Anlage und eine Einfriedung auszeichnen.

Eine hochentwickelte Gartenkultur gab es zur Entstehungszeit des Islam im gesamten Orient. Spektakuläre Anlagen waren allerdings an historisch zurückliegende Machtkonzentrationen gebunden und lebten zur Entstehungszeit des Islam nur noch in Überlieferungen aus Altägypten, Babylon und Altpersien fort. Eine Erinnerung daran bewahrte auch das hebräische Wort für einen eingehegten Garten, Park, Hain: "pardes/pardec" auf, das aus dem Altpersischen entlehnt ist. Die Gartenwelt des vom Islam in den ersten Jahrhunderten geprägten Kulturraums war durch arabische, persische und türkische Traditionslinien beeinflusst. "Drei Auffassungen von der Natur, von der Landschaft und mithin vom Raum, von Anfang an konfliktär." (Petruccioli 1995, S. 9) Im 10. Jahrhundert wurde insbesondere und modellgebend die feudale persische Gartenarchitektur unter islamischen Vorzeichen neu belebt.

Das größte Heiligtum des Islam ist der schwarze Quader der Kaaba in Mekka, ein altes abrahamitisches Heiligtum und nach islamischer Überzeugung von Abraham und Ismael gemeinsam erbaut am ehemaligen Ort des Paradiesgartens. Mekka selbst hat keinen repräsentativen Garten (mehr?), allerdings den zentral bedeutsamen Brunnen "Zamzam", dessen Quelle schon den Paradiesgarten gewässert habe.

Abbildung: Rekonstruktion des Bagh-i Hizar Jarib in Isfahan
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Lektüreempfehlung: Attilio Petruccioli (Hrsg.), Der islamische Garten, Stuttgart 1995



Das dritte Reich des Geistes bei Joachim von Fiore

Joachim von Fiore (~1130/35 -1202) war Sohn eines Notars in Celico/Kalabrien. Nach einer standesgemäßen Ausbildung arbeitete er selbst einige Jahre als Notar in Cosenza und dann in der Kanzlei am Hof von Wilhelm I. in Palermo. Ab etwa 1160 widmete er sich verstärkt religiösen Themen, pilgerte nach Jerusalem, zog als Prediger durch die Lande und trat schließlich in ein Zisterzienserkloster ein. 1191 begründete er seinen eigenen Orden als strengere Ausgründung der Zisterzienser, die ihrerseites erst 1098 als Orden einer strengeren Observanz des Benediktinertums entstanden waren. Joachim lebte und wirkte im zeitlichen und konzeptionellen Umfeld der Blüte des Katharertums, war älterer Zeitgenosse des Franz von Assisi und des Dominikus von Caleruega.

Er begann seine religiöse Karriere als apokalyptischer Wanderprediger, der das unmittelbar bevorstehende Erscheinen des Antichristen und den Anbruch des Tausendjährigen Reiches verkündete. Wie auch die anderen Apokalyptiker seiner Zeit bezog er sich dabei auf das Johannesevangelium. 1165 hatte er nach eigenem späteren Bekenntnis bei der Lektüre des Johannesevangelium seine Vision vom Dritten Reich des Geistes, das nun anbreche, nach dem Reich des Vaters (Altes Testament) und dem Reich des Sohnes (Neues Testament). Seine um Joachim von Fiore - Grafik der drei
                            Reichedas Jahr 1200 ausgearbeitete  Konzeption vom Dritten Reich ist widersprüchlich und bricht implizite mit den vertrauten messianischen Konzeptionen, die er selbst zunächst vermutlich (die Quellenlage zu seinem Leben und Wirken ist dünn) vertreten hatte, in zweifacher Weise. Zum einen folgen seine drei Reiche nicht abrupt aufeinander, sie überschneiden einander vielmehr. Zum zweiten verdankt sich die Verwirklichung des Dritten Reiches nicht einer singulären Erlöserfigur (auch wenn Joachim verschiedentlich den "Engel des siebten Siegels" dafür bemüht), Protagonisten sind vielmehr im Grundsatz alle Menschen, vorrangig gelehrte Mönche, aber auch Laien, Männer wie Frauen. Joachims Lehre bedeutete letztlich auch die Abschaffung der Hölle und des Teufels (was bei Johannes sehr brachial geschieht), die werden bei ihm nicht mehr benötigt.

Wie aber steht es um die Natur, um die menschliche Leiblichkeit, um Tiere und Pflanzen bei Joachim von Fiore? Josef Ratzinger hat Joachim in seiner Habilitationsschrift Schwärmertum vorgeworfen und dessen Lehre auch noch später als Papst als "spiritualistisch" und tendenziell "anarchistisch" kritisiert - etwa in seiner "Generalaudienz" vom 10. März 2010. Wie der ""neue Himmel" und die "neue Erde" des Johannes (GO 20,1) aussehen sollten, bleibt unklar bei Joachim. Bestimmt ist bei ihm lediglich, dass eine gleichsam globalisierte Menschheit in unmittelbarem Kontakt mit dem Göttlichen ein erfülltes Leben führe. Bestimmt ist auch, dass die zweite Schöpfung kein Menschenwerk sei, aber der einsichtigen Bejahung durch die Menschheit bedürfe.

Fiores Einfluss auf die Geistphilosophie Hegels ist bekannt, hatte allerdings keine substantielle inhaltliche Relevanz. Friedrich Engels bezieht sich in seinem Buch über den Bauernkrieg auf Joachim von Fiore, später Ernst Bloch in "Das Prinzip Hoffnung". Für den Soziologen Eugen Rosenstock-Huessy war die russische Revolution ideologisch durch Joachim von Fiore inspiriert. Die immer wieder behaupteten Bezüge des Nationalsozialismus zu Fiores Konzeption vom "Dritten Reich des Geistes" - angeblich vermittelt durch Arthur Moeller van den Brucks Buch "Das Dritte Reich" von 1923 - lassen sich nicht belegen. Moeller erwähnt Joachim von Fiore mit keiner Silbe, bezieht sich allerdings gelegentlich auf Hegel. Im übrigen hat der Nationalsozialismus sich entschieden von Moellers Konzeption einer konservativen Revolution distanziert (vgl. André Schlüter 2010). Und die Prophezeiung eines Tausendjährigen Reiches stammt aus dem Johannes-Evangelium.


Der Sonnengesang des Franz von Assisi - "sustentamento" der "creature"

Der Sohn eines wohlhabenden Tuchhändlers in Assisi, mit bürgerlichem Namen Giovanni Batista Bernardone (1181/82-1226), beschließt 1205 nach Jahren jugendlicher Ausschweifungen und zwei gescheiterten Versuchen, sich als Cavaliere im freiwilligen Kriegsdienst zu bewähren, sein Leben Gott zu widmen. Seine Zeit und sein politisch-soziales Umfeld waren zweifellos religiösen Ausnahmepersönlichkeiten besonders gewogen. Das 11. und vor allem dann das 12. Jahrhundert hatten intensive monastische Reformen erlebt, Zisterzienser, Prämonstratenser und Augustiner-Chorherren formierten sich. Dazu kamen neue Gründungen wie die des Bettelordens der Karmeliten um das Jahr 1150, in Südfrankreich breiteten sich die Katharer aus und die Kreuzzugsideologie des 11. Jahrhunderts war noch virulent. Ende des 12. Jahrhunderts hatte Joachim von Fiore seine Vorstellung vom kommenden dritten Reich des Heiligen Geistes entwickelt, 1215 wurde der Orden der Dominikaner zur Missionierung der Katharergebiete gegründet. In Assisi wurde 1193/94 die spätere Heilige Klara geboren und 1197/98 deren Schwester, die spätere Heilige Agnes.

Franz von Assisi wird heute gelegentlich als Vorläufer der Ökologiebewegung gefeiert. In Heft 3/2013 der Zeitschrift "natur" nennt Franz Alt anlässlich der Namenswahl des gerade neugewählten Papstes den Heiligen aus Assisi "Gottes grünen Krieger" und "Jahrtausendheiligen". "Der Heilige Franz war konsequenter Ökologe, überzeugter Pazifist, echter Tierfreund und radikal arm." Das Bild vom "konsequenten Ökologen" kann sich auf ein einziges Zeugnis, den Sonnengesang des Franz von Assisi, stützen. Auch bei einer großzügigen Auslegung der Kategorie "Ökologe" fällt es schwer, der Auffassung Alts zu folgen. Die menschliche Interaktion mit der Natur wird im Sonnengesang mit keinem Wort angesprochen. Dass die Sonne, der Wind und das Feuer als "Bruder", Mond, Wasser und Erde als "Schwester" - jeweils dem grammatikalischen Geschlecht im Italienischen folgend - angesprochen werden, ist entschieden zu dünn für einen Ausweis eigenständiger ökologischer Ansätze. Nicht Tiere und Pflanzen werden hier als Geschwister angesprochen, sondern Sonne, Mond und die vier Elemente. Damit knüpft Franziskus an antike Traditionen an, die in der Astrologie und der Elementenlehre der Renaissance neu belebt wurden. Dass diese zum historischen Erbe des modernen ökologischen Denkens gehören, sei unbestritten.

Franziskus schrieb seinen Gesang "Il Cantico delle Creature" oder "Cantico di Frate Sole" als er ab 1224 schwerkrank in einem Gebäude der Damianitinnen (später Klarissen) bei der Kirche San Damiano gepflegt wurde. Dies erklärt auch die dem Cantico strukturell fremde letzte Strophe, geschrieben kurz vor dem Tod, in der die "sora nostra morte corporale", der leibliche Tod als Schwester, angesprochen wird. Die im Titel genannten "Creature" sind nicht Objekte, sondern Subjekte des Cantico. Im ausgeführten Cantico erscheint jedoch nur der Mensch, noch enger das sprechende Individuum, subjekthaft. Die anderen Geschöpfe werden nur objekthaft mitgenannt, als Geschöpfe des "Signore", die dieser am Leben erhalte, wobei das gewählte Wort "sustentamento" durchaus die Qualität hat, dem Nachhaltigkeitsdiskurs als ein frühes Dokument zu dienen (das heute gebräuchliche italienische Wort für "Nachhaltigkeit" ist "sostenibilità") - es ist allerdings der "signore", der dieses "sustentamento" leiste, nicht der Mensch. Auch hier wird nicht deutlich, ob wirklich neben dem Menschen andere "creature" mitgemeint sind. Später werden noch "diversi fructi con coloriti flori et herba" genannt, die "sora nostra matre terra" (Schwester/Mutter Erde) hervorbringe. Dass der Mensch irgendeine Verpflichtung diesen gegenüber habe, wird nicht einmal angedeutet.

Interessant ist der Sonnengesang als Dokument einer kurzzeitigen Offenheit des Christentums für naturmystische Traditionen, wie wir sie auch von Hildegard von Bingen kennen, die 100 Jahre vor Franz gewirkt hatte. In seiner Allgemeinheit kann der Sonnengesang jedoch - anders als etwa der zweitausend Jahre ältere Hymnus an die Erde aus der Atharvaveda - nicht zur Begründung ökologischer Konzeptionen herhalten. Lediglich eine sehr diffuse "Bewahrung der Schöpfung" lässt sich hinreichend ableiten. Die legendenhafte Überlieferung (etwa die "Vogelpredigt" aus der Legenda Maior Sancti Francisci des Bonaventura) gibt zwar Hinweise, dass Franziskus auch ein besonderes Verhältnis zu Tieren und Pflanzen hegte. Doch nach den bestätigten Zeugnissen ging es ihm und seinen Mitbrüdern und Mitschwestern vorrangig um soziale Anliegen, Hilfe für die Armen und Kranken in der Nachfolge Christi und die Arbeit für ein unmittelbar bevorstehendes Reich Gottes auf Erden.


Christianisierung des Bergbaus

Die auch gegenwärtig noch wirksame Trennung des Wissenschafts- und Bildungssystems im 19. Jahrhundert in zwei Bereiche, den der "exakten" und "wertneutralen" Naturwissenschaften und den der "wertorientierten" Kultur-/Geisteswissenschaften lässt uns noch immer etwas ratlos, wenn wir vor geschichtlichen Zeugnissen stehen, die solche Trennung nicht kennen oder akzeptieren, die vermengen, was wir gerne geschieden sähen (sofern nicht politische und/oder ethische Anliegen eine Zusammenführung bedingen).

Ein Beispiel für diese "Vermengung" zeigt sich in Leben und Werk des romantischen Dichters Novalis, der als Friedrich von Hardenberg auch Bergbauassessor an der Salinendirektion in Weißenfels war (der sein Vater als Direktor vorstand). Hardenberg hatte an der Bergbau-Akademie in Freiberg/Erzgebirge studiert, wo kurz nach ihm auch Tulla, der Rheinbegradiger, einen Teil seiner Ausbildung absolvierte. Eines seiner bekanntesten Gedichte trägt den Titel "Maria" und verweist uns über seine vordergründige Dimension einer romantischen (im gemeinsprachlichen wie im literaturhistorischen Sinne) Marienverehrung hinaus auf die heute nur noch wenig bekannte Begründung des modernen Bergbaus durch die mittelalterliche Machtentfaltung des Christentums. Insbesondere in seinem Entwicklungsroman "Heinrich von Ofterdingen" entfaltet Novalis eine erstaunliche Verquickung von Bergbau, Religiosität, Liebeskult und Identitätsbildung. Wie der Bergbau im Umkreis von Romantik und Deutschem Idealismus die Metaphern für die Ausbildung des modernen Bürgertums bereitstellte, zeigt in beispielhafter Weise der Brief Caroline von Schlegels vom Oktober 1800 an ihren Geliebten und späteren Ehemann Friedrich Wilhelm Schelling: "Sieh nur Goethen viel und schließe ihm die Schätze deines Innern auf. Fördre die herrlichen Erze ans Licht die so spröde sind zu Tage zu kommen."

Hartmut Böhme hat, im Anschluss an Georg Schreiber, Udo Krolzik und andere, darauf aufmerksam gemacht, wie im lateinischen Mönchtum, insbesondere bei den Benediktinern und weitergeführt dann bei den Zisterziensern, ineins manuelle Arbeit vom Makel der Leibeigenentätigkeit befreit und die Nutzung der Naturressourcen als menschliche Fortsetzung des Schöpfungsprozesses begriffen wird. In diesem Kontext kam dem Bergbau eine besonders prägnante Rolle zu, wobei sich insbesondere Zisterzienserklöster im 12. und 13. Jahrhundert hervortaten, im Erzgebirge, in der Eifel, im Harz und andernorts. Auch die verborgenen Schätze des Planeten, Grundwasser, Kohle und Erze, stünden zur Verfügung des Gottesebenbildes, so die Botschaft der christlichen Klostergründungen im Gefolge des Heiligen Benedikt.

Böhme verweist allerdings auch auf die Ambivalenz in dieser Konzeption. "Der Gedanke der Mitarbeit an der Vollendung der Natur verbindet sich eigenartig mit der Auffassung der Natur als Fremde und Feindin: sie spiegelt in der physischen Abhängigkeit des Menschen ständig seinen Sündencharakter." (Böhme 1988, S. 69)

Dabei wurden drei christliche Frauenfiguren zu besonderen Schutzheiligen des Bergbaus, die heilige Barbara (wegen des Bezugs von Bergbau und Feuer), die heilige Anna (als Erzmacherin, Rohstoff"mutter") und die Gottesmutter Maria (insbesondere dem Silberbergbau zugeordnet, als christliche Wendung der "Terra Mater"). Sie traten an die Stelle der vorchristlichen Besetzung des Bergbaus mit keltischen, germanischen, slawischen und römischen Kulten und Gottheiten im mitteleuropäischen Bergwesens. 

Lektüreempfehlungen:

Georg Schreiber, Der Bergbau in Geschichte, Ethos und Sakralkultur, Köln und Opladen 1962

Hartmut Böhme, Natur und Subjekt, Frankfurt (Main) 1988



Petrarca und die förderliche Natur

Petrarcas Naturverhältnis ist heute bedeutsam vor allem durch seine Besteigung des Mont Ventoux (1.912 m), Provence, am 26. April 1336, gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Gherardo und Bediensteten. Für den Kunsthistoriker Jacob Burckhardt zeigt sich Petrarca gerade in dieser Bergtour als "einer der frühsten völlig modernen Menschen" (Burckhardt 2009, S. 279). Von Alpinisten wird Petrarca gar als Ahnherr des Bergsteigens gepriesen. Andere feiern den Mont Ventoux dieser Wanderung wegen als den Geburtsort des Humanismus, so etwa der holländische Historiker Enne Koops 2014 auf der angesehenen Online-Plattform "Historiek".

Petrarca berichtet von seinem epochemachenden Abenteuer in einem Brief an den älteren Freund Francesco Diogini vom 26.04.1336, verbunden mit zahlreichen theologischen, historischen, philosophischen und psychologischen Reminiszenzen und Reflexionen. Als Begründung für sein Vorhaben nennt er zu Beginn des Briefes "die Begierde, die ungewöhnliche Höhe dieses Flecks Erde durch Augenschein kennenzulernen". Der Berg habe ihn seit seiner Kindheit begleitet und seit Jahren schon habe ihn dieses Vorhaben beschäftigt. Natur erscheint in seinem Bericht als wild und herausfordernd, jedoch keinesfalls als bedrohlich. Vor den - eher bescheidenen - Bedrohungen durch spitze Felsen und Dornengestrüpp warnt lediglich ein "uralter Hirte", doch Petrarca und sein Bruder ignorieren diese Warnungen und der Briefautor berichtet dann lediglich von den körperlichen Strapazen, von seiner Erschöpfung bisweilen, der er sich im Blick auf das erhoffte Ziel mehr oder weniger murrend aussetzt.

Darin liegt das eigentliche Novum dieser Erfahrung: Selbstüberwindung nicht auf der Ebene der Affekte, sondern körperlicher Erschöpfung gegenüber. Und dies nicht primär zur moralischen Läuterung (auch wenn Petrarca seine Erfahrung in dieser Richtung umzudeuten sucht durch Verweise auf Bibelstellen und auf Augustinus), sondern mit dem Ziel einer ästhetisch konnotierten Naturerfahrung. Insofern hat schon Recht, wer in Petrarca einen Ahnherrn des Bergwanderns sieht. Aber "Bergwandern" steht dann für etwas anderes, nämlich die Abkehr von einem Kasteiungsprinzip, das den Körper zu überwinden, zu bestrafen, gar zu negieren sucht, hin zu einem Prinzip der Steigerung körperlicher Leistungsfähigkeit - Ertüchtigung statt Kasteiung, um Naturgenuss zu ermöglichen.    

Petrarcas Leben und Werk sind jedoch nicht nur über die Besteigung des Mont Ventoux, sondern auf vielfältige Weise und durchgängig gezeichnet durch eine dezidierte Zuwendung zur Natur als Rückzugsort, als Trost- und Erholungsort, als Projektionsfläche für innere Seelenprozesse, als historischer Vergegenwärtigungsraum und nicht zuletzt als Utopie einer vollständigen Existenz. Es mag irritieren, aber der von Petrarca skizzierte Humanismus trägt deutlich naturreligiöse Züge und konfrontiert uns mit einem ersten konsistenten Entwurf einer  zivilisationskritischen Zuwendung zur Natur. Deutlich wird dies etwa in den Preisungen des einfachen Lebens "auf dem Lande", mit denen Petrarca seinen Rückzug an den Quellort der Sorgue zwischen 1337 und 1353 begründet. "De vita solitaria" liest sich streckenweise wie ein Text der Lebensreformbewegung zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Tongeschirr statt Silber empfiehlt Petrarca hier, einfache Speisen statt üppiger Gelage. Und er fordert ein "Leben in der Gegenwart" statt in steter "Hoffnung auf die Zukunft", die er als Grundübel ansieht. Daher wende er der Stadt Avignon mit ihrer Hektik und der besinnungslosen Gier ihrer Eliten nach Geld, Macht und Luxus den Rücken zu um sich im Tal der Sorgue niederzulassen.  "Von der Schönheit des Ortes eingenommen, zog ich mich mit meinen Büchern dorthin zurück" heißt es in seinem "Brief an die Nachwelt" von 1370/71. Dahinter stehen unterschiedliche Traditionslinien und Einflüsse, vor allem der Preis eines einfachen Lebens in der spätantiken Philosophie einerseits, die autarke christlich-mönchische Lebensführung der Reformorden andererseits.

Der weitgehend eigenständige Beitrag Petrarcas liegt darin, einen neuen Blick auf die Natur mit diesen Motiven zu verbinden. Und zwar einen durchaus pragmatischen, der mit dem Sonnengesang des Franz von Assisi wenig gemeinsam hat. In einem seiner letzten Zeugnisse aus dem Alterssitz in Arquà am Rande der Colli Euganei schreibt Petrarca, er habe nun mehr Interesse an den Kräutern seines Gartens als an seinen Schriften.

Wir müssen Abschied nehmen von der schlichten Annahme eines Dreischritts in der menschlichen Naturbeziehung, wonach der Mensch zunächst im Einklang mit der Natur gelebt habe, sich dann mit dem zivilisatorischen Fortschritt der Natur entfremdete um sich schließlich in der Gegenwart wieder über ökologische Konzepte, Naturethik und Nachhaltigkeitsdiskurs mit der Natur zu versöhnen - auch in Reaktion auf die Schattenseiten der Industrialisierung. Der Mythos vom edlen Wilden im Natureinklang hat schon länger an Kraft verloren, doch weiterhin sind wir mehrheitlich in fortgeschrittenen Industriegesellschaften der Überzeugung, die Industrialisierung sei auch eine Reaktion auf eine als feindlich erfahrene Natur (Krankheiten, Hungersnöte, Naturkatastrophen) und ökologisches Denken letztlich ein Überschußphänomen entwickelter Industriegesellschaften (basierend auf dem Rousseauismus eines ersten Zivilisationsmüden). Petrarca zeigt uns, dass ein partnerschaftliches Naturverhältnis bereits an der Wiege des Humanismus steht. Warum es aufgegeben wurde, können vielleicht die Florentiner Handels- und Bankenmanager beantworten. Dass es aufgegeben wurde, dürfte in engem Zusammenhang mit dem Niedergang des Humanismus in der Spätrenaissance stehen. Petrarca macht uns auch darauf aufmerksam, dass ein Ereignis wie die Pest von 1348 schon zu seiner Zeit keinesfalls notwendig vor die Alternative stellt, es einem strafenden Gott oder einer erbarmungslosen Natur zuzuschreiben. Petrarca verweigerte sich beiden schlichten Zuschreibungen.



Das Gericht der Götter über den Bergbau
Der böhmische Humanist Paulus Niavis (i.e. Paul Schneevogel) verfasste um 1492/95 in Zittau sein "Iudicium Iovis", ein auch heute noch lesenswertes Dokument der kritischen Auseinandersetzung mit der Ökonomisierung von Natur, konkret dem Bergbau. Die deutsche Übersetzung durch Paul Krenkel, "Das Gericht der Götter über den Bergbau", macht deutlich, worum es geht. Publiziert wurde die Übersetzung 1953 durch die Bergbau-Akademie Freiberg.

In der Rahmenhandlung wandert ein Eremit durchs Erzgebirge, seiner Silbervorkommen wegen im 15. Jahrhundert Ort eines großen "Berggeschreys", das zu Goldrush-ähnlichen Verhältnissen führte, mit erheblichen Schäden für Luft, Boden, Wasser, Menschen, Tiere und Pflanzen. Das beim Silberabbau eingesetzte Quecksilber vergiftete die Umwelt und die Bevölkerung der Region auf Generationen hinaus. Der Mönch nun schaut in einer Vision ("mirabilis visio") eine erstaunliche Gerichtsverhandlung, die den "sterblichen Menschen" anklagt wegen seiner Vergehen am Schneeberg und andernorts durch die Anlage von Bergwerken, der Tatvorwurf lautet: "Muttermord" (matricidius).

Vor dem Thron Jupiters als Richter tritt als Klägerin die Mutter Erde ("Terra Mater") auf, anwaltlich vertreten durch Merkur. Zeugen der Anklage sind (in der Reihenfolge ihres Auftritts) Bacchus, Ceres, Minerva, Pluton, eine Najade, Charon und eine Gruppe von Faunen. Bemerkenswert, wie Schneevogel hier griechische und römische Götter/Göttinnen/Nymphen neben- und miteinander agieren lässt. Der Unterschied zwischen griechischer und römischer Antike auch in der Götterwelt war den Humanisten natürlich bewußt. Worum es hier geht ist die gemeinsame Frontstellung der Antike gegen die anbrechende Neuzeit, genauer: gegen konkrete Missstände in dieser Neuzeit.

"Terra Mater" trägt ein zerfetztes Gewand, ihr Leib ist "durchbohrt, verwundet und blutüberströmt" (Niavis 1953, S. 16) - den Anklang der Leidensgeschichte Christi ist unüberhörbar. Die von Merkur und den anderen Gottheiten und Geistern vorgetragene Anklage bezieht sich insbesondere auf das Abpumpen unterirdischer Wasservorkommen, das Wein- und Ackerbau schädige, die Umleitung von Gewässern, die Verlärmung der Landschaft durch die Belüftungspumpen, Waldzerstörung durch Abholzungen und Köhlerei. "Terra Mater" werde dadurch im Innersten geschädigt. Die Parallelen zum "Hymnus an die Erde" der Atharvaveda sind augenfällig.

Die Verteidigungsrede des Menschen, unterstützt durch die Penaten (römische Schutzgeister des Hauswesens), beklagt die "Mutter Erde" als "Stiefmutter", die dem Menschen ihre größten Schätze vorenthalten möchte (Niavis 1953, S. 20). Insbesondere wird vorgebracht, dass der Bergbau den Handel (durch Münzgeld) erleichtere, die menschliche Kultur (einschließlich der Religion) entwickle und Menschen auch in weniger fruchtbaren Landschaften das Überleben ermögliche. Mehrmals wird darauf hingewiesen, dass doch Jupiter den Menschen die Erde zu ihrem Nutzen übergeben habe und von ihnen erwarte, dass sie sich auf dem ganzen Planeten ausbreiten. Diese Passagen nehmen erkennbar Bezug auf die entsprechenen Stellen im 1. Buch Mose (vgl. Niavis 1953, S. 21). Also lange vor der Industrialisierung, lange vor der Reformation und auch noch vor René Descartes und Francis Bacon wird hier hier die Grundlage formuliert für jenes Verständnis von "Macht euch die Erde untertan", das heute als das moderne technisch-industrielle Naturverhältnis beschrieben wird.

Jupiter überlässt den Urteilsspruch der Fortuna - als "Königin der Sterblichen". Fortuna erklärt, dass die Menschen nicht anders könnten, als sie tun, das sei ihre Bestimmung. Damit aber würden sie sich selbst zerstören, wobei sie - "was sehr gut ist" - gar nicht das Ausmaß der Gefahren erkennen, denen sie sich aussetzen durch ihr Werk (Niavis 1953, S. 38). Woran Niavis dabei dachte, ist uns nicht bekannt. Aber hingewiesen sei nur darauf, dass das im Silberbergbau massiv eingesetzte hochgiftige Quecksilber im Mittelalter noch als Heilmittel eingesetzt wurde.

Nebenbei bemerkenswert ist der Hinweis auf andere Bergbaugebiete im 15. Jahrundert ("in Sizilien, in Portugal, in Arabien, in dem zu den Alpen gehörigen Etschlande, in Böhmen und jetzt auch ... im Gebiet des Meißner Landes" - S. 16) sowie eine ermahnende Zitation des Prometheus-Mythos (S. 17). Anders als seinem Übersetzer war Niavis wohl auch noch bekannt, dass der Kaukasus ein bedeutendes Erzabbaugebiet der Antike war.


Lektüreempfehlung: Paulus Niavis, Iudicium Iovis oder Das Gericht der Götter über den Bergbau, Berlin: Akademie-Verlag, 1953

 

William Penn - Neue Welt und Europa


Die frühe Einwanderung aus Europa nach Nordamerika hatte häufig religiöse Hintergründe, das ist bekannt. Insbesondere verließen protestantische Gruppierungen ihre Heimat, weil sie dort verfolgt wurden oder zumindest nicht die geeigneten Rahmenbedingungen fanden für ihre Vorstellungen einer konsequent religiösen Lebensführung. So kamen im 17. Jahrhundert vor allem aus England auch zahlreiche Quäker nach Amerika. Angehörige jener Gemeinschaft, die sich auszeichnete durch die unbedingte Überzeugung der Gleichwertigkeit aller Menschen und eine Haltung der Gewaltfreiheit gegenüber Menschen und Tieren gleichermaßen. In England wurden sie bis zur Toleranzakte des englischen Parlaments von 1689 massiv verfolgt und zu Hunderten ermordet - und noch in den Jahrzehnten danach waren sie Diskriminierungen durch die Anglikanische Kirche ausgesetzt.

Willam Penn (1644-1718) war der einflussreichste Quäker seiner Zeit in England, Sohn eines der reichsten und mächtigsten Männer des Landes, des Admirals Sir William Penn sen., der über Landgüter in Irland mit jährlichen Einkünften im Äquivalent von mehreren hundertausend Euro verfügte. Penn sen. hatte Oliver Cromwell und das Parlament unterstützt bei der Rückeroberung Irlands, aber auch stets gute Kontakte zu den Royalisten gepflegt. Zum Ritter geschlagen wurde er 1658 von Henry Cromwell, Sohn von Oliver Cromwell. Nach einem Studium der protestantischen Theologie in Paris (wobei ihm ein Empfang bei Ludwig XIV. gewährt wurde) und einem Jurastudium in London widmete sich William Penn jun. der familiären Güterverwaltung und schloss sich in den 1660er Jahren der Quäkerbewegung ("Religious Society of Friends") an. Rasch wurde er zu einem wichtigen Sprecher und Propagandisten der Bewegung. In den 1670er Jahren reiste er auch nach Holland und Deutschland (u.a. Heidelberg), um ein Quäker-Netzwerk innerhalb Europas zu knüpfen.

Pennsilvania, eine der ersten nordamerikanischen Kolonien, wurde 1681 von William Penn gegründet in einem Gebiet, das König Karl II. von England ("Merry Charles") als Ausgleich für eine Geldschuld bei William Penn sen. der Familie Penn überließ. Der Koloniegründer schloß 1682 einen nur mündlich überlieferten Friedensvertrag mit den Delaware-Indianern, die in diesem Gebiet lebten. Ein Vertrag, der in der Folgezeit idealisiert wurde als "Great Treaty" und von Voltaire in einem Brief (Vierter Brief über die Quäker) gepriesen als einziger Vertrag zwischen Indianern ("ces peuples") und Christen "der nie geschworen und nie gebrochen" ("qui n'ait point été juré et qui n'ait point été rompu") worden sei - mythologisch überhöht zunächst in den Bildern von Edward Hicks, dann im berühmten Gemälde von Benjamin West 1771/72, beauftragt von Penns Sohn Thomas.

Es ist nicht eindeutig geklärt, ob dieser Vertrag nur eine Art Präambel zu zwei schriftlich überlieferten, am 23. rsp. 25. Juni 1683 unterzeichneten Verträgen zwischen Penn und dem Delaware-Häuptling Tamanend über Delaware-Land darstellte. Als Gegenleistung für die Landüberlassung vermerkt der Vertrag vom 23. Juni "ye Consideration of so much Wampum, so many Guns, Shoes, Stockings, Looking-glasses, Blankets and other goods as he, ye sd William Penn shall please to give unto me".

Die Friedensgarantie hielt weitgehend bis zur Forderung der Familie Penn, vertreten durch Penns Sohn Thomas Penn, an die Delaware, ein Gebiet von 4860 Quadratkilometer Fläche zu räumen, das die Familie als Besitz reklamierte und Siedlern übergeben wollte, von Ray Thompson 1973 scharf als "Walking Purchase Hoax of 1737" kritisiert. Im Gefolge kam es im Hinterland gelegentlich zu Übergriffen auf Siedler, kulminierend im "Penn's Creek Massacre" von 1755, bei welchem Delaware-Indianer 24 Siedler töteten. Das Massaker stand auch im Zusammenhang mit dem Siebenjährigen Krieg 1754-1763, in welchem Frankreich und Großbritannien um die koloniale Vorherrschaft in Nordamerika kämpften.

William Penn selbst lebte nie für längere Zeit in Pennsylvania, sondern blieb mit seiner Familie in England, auf den väterlichen Besitztümern. Er warb allerdings nachdrücklich, auch in Deutschland, um Siedler für seine Kolonie. Seinen Aufrufen folgten neben Quäkern auch Mitglieder anderer protestantischer Gemeinschaften vor allem aus England und Deutschland. Bekannt wurden insbesondere die Mährischen Brüder, die sich allerdings erst nach Penns Tod 1735 in Pennsilvania ansiedelten und bald erfolgreich unter Indianern missionierten ("mährische Indianer"). 1782 kam es am Ende des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges zum Gnadenhütten-Massaker durch eine Einheit der Pennsylvania-Miliz an 96 christlichen Indianern (28 Männer, 29 Frauen, 39 Kinder).

In Auseinandersetzung mit der Expansionspolitik Ludwigs des XIV. in Schottland und Irland ("Jacobite Uprising") und im sogenannten Pfälzer Erbfolgekrieg (Zerstörung des Heidelberger Schlosses 1689 und Sprengung 1693) schrieb Penn 1693 seinen republikanisch gesinnten "Essay Towards the Present and Future Peace of Europe by the Establishment of a European Parliament". Damit markiert Penn eine Vision von Europa als Friedensmacht, die dezidiert religiös fundiert ist, aber auch die naturrechtlichen Diskussionen der Zeit aufgreift. In den Schriften Penns finden sich auch bemerkenswerte Passagen zu einem Frieden mit der Natur, so etwa im Kapitel "Education" seiner Schrift "Some Fruits of Solitude, in Reflections and Maxims relating to the Conduct of Human Life - nebenbei so etwas wie eine erste Skizze zu Rousseaus "Emile". Unter den Punkten 12 bis 14 ist dort zu lesen:

12. And it would go a great way to caution and direct people in their use of the world, that they were better studied and knowing in the creation of it.

13. For how could men find the conscience to abuse it, while they should see the great Creator look them in the face, in all and every part thereof?

14. Therefore ignorance makes them insensible; and to that insensibility may be ascribed their hard usage of several parts of this noble creation, that has the stamp and voice of a DEITY every where, and in every thing, to the observing.

Und über den Sinn des Umgangs mit der Natur schreibt Penn, wir hören auch hier bereits Rousseau anklingen, unter "A Country Life":

220. The country life is to be preferred; for there we see the works of God; but in cities, little else but the works of men: and the one makes a better subject for our contemplation than the other.
 
Lektüreempfehlung: William Penn, Selected Works, Vol. II, London 1825, Rep. New York: Kraus Reprint, 1971 - darin: "Some Fruits of Solitude"




Die Erfindung der Nachhaltigkeit

Einen ersten relevanten Ansatz zum Nachhaltigkeitskonzept finden wir im Hymnus an die Erde der Atharvaveda, Entstehungszeit zwischen 1.200 und 800 v. Chr.. Dort heißt es im 35. Vers: "Was ich von dir, o Erde, ausgrabe, das soll schnell zuheilen. Laß mich, o Reinigende, nicht deine empfindliche Stelle, nicht dein Herz durchbohren!" Reduziert auf den sachlichen Kern ist das hier Vorgetragenen entschieden näher an dem, was wir heute avanciert unter "starker Nachhaltigkeit" verstehen, als die Ausführungen des sächsischen Forstkameralisten Carl von Carlowitz 2500 Jahre später, in seiner "Sylvicultura oeconomica" von 1713, die ihn für den Nachhaltigkeitsdiskurs zum "Erfinder" der Nachhaltigkeit macht. Carlowitz sorgte sich lediglich um den Holzvorrat, empfahl gar den Gebrauch von Torf als Grundstoff für die Köhlereien bereits auf seinem Titelblatt, um den Nutzungsdruck vom Wald zu nehmen. Und dass die Bergwerke, denen er vorstand, nicht nur den Wald bedrohten, sondern Gewässer, Luft und Boden insgesamt, war nicht sein Thema.

Carlowitz wollte nicht mehr Wald schlagen, als nachwuchs. Er empfahl eine Fortsbewirtschaftung, die auf gezielte Aufforstung, aber auch auf Naturverjüngung setzt. Es bleibt unbestritten, dass nach aktueller Datenlage Carlowitz zum ersten Mal den Begriff "nachhaltig" in einem dem heute dominierenden ökonomischen Verständnis von Ressourcenschutz nahestehenden Sinn verwendet. In der Sache hatte er allerdings zahlreiche Vorgänger in der Forstwirtschaft der Barockzeit. Peter Poschlod schreibt in seiner überaus informativen "Geschichte der Kulturlandschaft" 2014, S. 194: "So gilt das 16. Jahrhundert als der Beginn des Zeitalters der Forstordnungen." Und er macht auch darauf aufmerksam, dass "forestis" ursprünglich dem Königsrecht zugehörte und die Verfügung über Landschaft insgesamt, insbesondere die Wald-, Wild- und Fischnutzung, bedeutete.

Das Putten- und Schäferwesen der Barockkultur sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass der offenen Landschaft und den Naturbeständen in dieser Zeit heftig zugesetzt wurde - insbesondere durch den Bergbau und das Hüttenwesen, etwa zur Finanzierung ausschweifender Hofhaltungen. "Nachhaltigkeit" war in diesem Kontext (der heutigen Situation durchaus ähnlich) ein Überlebensgebot für die Eliten, kein Umweltschutzunternehmen im Interesse bedrohter Tier- und Pflanzenarten. Was Carlowitz erhalten sollte und wollte, war nur vordergründig der Wald - es ging im Kern um die sächsischen Silberbergwerke, deren Fortbestand zum einen durch den spanischen Silberabbau in Südamerika, insbesondere in Potosí/Bolivien, zum anderen durch Holzmangel ernsthaft bedroht war. Wie weit Carlowitz in seiner konkreten Forstplanung über die ökonomische Notwendigkeit hinaus ging, ist nicht bekannt. Überliefert sind lediglich aus seiner "Sylvicultura oeconomica" zwei ästhetisch-religiös konnotierte Äußerungen, wonach Bäume mit der "innerlichen Form, Signatur, Constellation des Himmels" verbunden seien und  "die grüne Farbe von denen Blättern" unsagbar ("ist nicht zu sagen") "angenehm" sei.

Was heute unter den Prämissen von Klimaerwärmung und CO2-Einsparung im Blick auf eine nachhaltige Waldnutzung propagiert wird (kürzere Umtriebszeiten, kompensatorische Aufforstungen, Durchlichtung, Forcierung der Brennstoffnutzung) hat überdies weit mehr Parallelen im Forstmanagement der Sowjetunion unter Stalin als im spätbarocken Forstwesen unter Carlowitz. Eine Studie des "KlimaCampus" der Universität Hamburg von 2010 kommt zum Ergebnis, dass nur eine straffe Planwirtschaft mit engem Sortenmanagement, kurzen Umtriebszeiten und regelmäßiger Durchforstung den deutschen Wald fit machen könne für das Jahr 2100. Das alternative Modell einer naturbelassenen Bewirtschaftung mit langer Lebensdauer der Bäume und reicher Biodiversität kann vor dem analytisch-kameralistischen Blick des "KlimaCampus" nicht bestehen.


Erdbeben von Lissabon - Erschütterungen der Aufklärung

Am Morgen des 1. November 1755, während der Gottesdienste zum Fest Allerheiligen, zerstörte ein Erdbeben der Stärke 9 Lissabon. Viele Einwohner flüchteten sich zum Hafen, dem größten gebäudefreien Platz der Stadt. Doch dem Beben folgten Flutwellen von bis zu 15 Metern Höhe, die über die Mündung des Tejo in den Hafen und die Stadt eindrangen. Zahlreiche Nachbeben und eine mehrere Tage andauernde Feuersbrunst brachten weitere Zerstörungen. Die Feuersbrunst wurde durch verlassene Herdfeuer und umgestürzte Kerzen in den festlich erhellten Kirchen ausgelöst. Zwischen 60.000 und 100.000 Einwohner starben in der Katastrophe und 85% des Gebäudebestandes wurden zerstört. Das Beben war in weiten Teilen Europas deutlich zu spüren, unter anderem wurde von ungewöhnlichen Wellen im Hamburger Hafen berichtet.

Das Erdbeben gilt als Menetekel der Aufklärung, vergleichbar dem Untergang der Titanic in seiner Bedeutung für das Industriezeitalter. Zum 250. Jahrestag titelte die NZZ: "Lissabon 1755 - das Erdbeben, das die Welt veränderte". Und Jürgen Wilke fasst in einem Beitrag für das Online-Magazin EGO vom 18.12.2014 die allgemeine Einschätzung wie folgt zusammen: "Vielmehr beeinflusste das Ereignis das europäische Denken nachhaltig und untergrub den philosophischen Optimismus der Aufklärung, den Glauben an die göttliche Vorsehung und die Überzeugung, in der besten aller möglichen Welten zu leben."

Doch so wenig der Untergang der Titanic über die Produktion erbaulicher und ermahnender Traktate und seine Verwendung als technologiekritisches Symbol hinaus einen relevanten Einfluss auf die gesellschaftliche und technologische Weiterentwicklung hatte, so wenig konnte das Erdbeben von Lissabon die gesellschaftliche Entwicklung entscheidend beeinflussen. Weder wurde die spanische und portugiesische Kolonisation Mittel- und Südamerikas gestoppt oder auch nur gemäßigt, noch verlor die Aufklärung ihren Zukunftsoptimismus. Ganz im Gegenteil wurde der Wiederaufbau Lissabons zu einem Triumph des neuen Geistes, das mittelalterliche Lissabon verschwand und machte einer modernen Metropole Platz. Manager der Katastrophe war Sebastián José Carvalho e Melo, später ernannt zum Marques de Pombal, der innerhalb eines Jahres die Trümmer beseitigen ließ und den Neuaufbau inszenierte. Im Zuge seiner Tätigkeit wurde er auch zum Begründer der modernen Seismologie.

Als Argumentationshilfe in den intellektuellen Debatten der Zeit wurde das Erdbeben allerdings intensiv eingesetzt. So nutzte Voltaire das Ereignis um gegen die Konjunktur der Leibnizschen "prästabilierten Harmonie" anzugehen. Dass er hierzu auch anderes Material zur Verfügung hatte, nicht auf das Erdbeben angewiesen war, zeigt sein "Candide" von 1758, in welchem das Erdbeben zwar vorkommt, aber eine eher untergeordnete Bedeutung einnimmt im unmittelbaren Kontrast mit den Leidensgeschichten Kunigundens und "der Alten" - mit Leiden nicht an zufälligen Naturereignissen, sondern an menschlicher Bosheit.


Die Abschaffung des Unfalls im Deutschen Idealismus
Martina Heßler nennt das umfassende Vertrauen hochindustrialisierter Gesellschaften in die technische Lösung aller menschheitlich relevanten Probleme in ihrer "Kulturgeschichte der Technik" von 2012 im Anschluss an Günther Anders das "Paradigma des reibungslosen Ablaufs" (S. 188). Zu diesem Paradigma gehören sowohl die Ausblendung technischer Versagensmöglichkeiten wie die Ausblendung des Faktors Mensch. Der Faktor Mensch wird dabei nicht nur in den Unfallursachen, sondern auch in den Unfallkonsequenzen weitreichend ignoriert. Soziale Folgekrisen sind nicht ernstlich vorgesehen in den gängigen Konzepten zur Unfallbewältigung. Hysterien, Plünderungen oder religiöse, ethnische, soziale Aufladungen von Krisen im Gefolge technischer Katastropen werden - entgegen der Faktizität aktueller Ereignisse - für zunehmend unwahrscheinlicher gehalten, da sie durch technische und soziale Weiterentwicklung handhabbar seien (Heßler 2012, S. 180ff).

Einen reibungslosen Ablauf insbesondere im Naturgeschehen verspricht in den monotheistischen Religionen die Konzeption des allwissenden, allmächtigen Gottes. Judentum, Christentum und Islam haben sich entsprechend abgearbeitet an der Frage nach der Theodizee, man denke etwa an die Debatten nach dem Erdbeben von Lissabon 1755. Verweise auf menschliche Schuld, auf den Sündenfall, auf die Präsenz des Bösen in der Schöpfung waren insbesondere mit der christlichen Auffassung eines treu sorgenden, gnädigen, verzeihenden Gottes schwer vermittelbar. Papst Benedikt XVI. stellte die Theodizee-Frage am 28. Mai 2006 bei seinem Besuch des Konzentrationslagers Auschwitz erneut für die Gegenwart, und er bezog sich dabei neben Auschwitz auch auf die Katastrophe in Fukushima.

Friedrich Wilhelm Joseph Schelling formuliert in seiner Freiheitsschrift von 1809 - mit Fragezeichen - die Auffassung, dass die Tätigkeit des Menschen "selbst mit zum Leben Gottes gehöre". Naturgeschichte als Entwicklungsgeschichte des Geistes führe über den Menschen zur Aufhebung der Natur in Geist, in der bekannten Schellingschen Formulierung zum Ende seiner Einleitung in die "Ideen zu einer Philosophie der Natur" von 1797 : "Die Natur soll der sichtbare Geist, der Geist die unsichtbare Natur sein. Hier also, in der absoluten Identität des Geistes in uns und der Natur außer uns , muß sich das Problem, wie eine Natur außer uns möglich sei, auflösen." In einem Brief an Eberhard Friedrich von Georgii Ostern 1811 schreibt Schelling von der "Überzeugung einer wirklichen Einheit Gottes und der Natur", "kraft der sie (die Natur - H.Sch.) nicht blos als ein Fehlerhaftes oder Hervorgebrachtes, sondern auf eine eigentlichere und persönlichere Weise zu ihm (Gott - H.Sch.) gehört". Diese Überzeugung sei "der wahre Vollendungspunct menschlicher Wissenschaft". "Natur" wird dabei nicht sehr präzise bestimmt, von Spinoza her denkt Schelling sie weitgehend als "natura naturans", doch im "Hervorgebrachten" steckt natürlich auch die "natura naturata". Zum Verhältnis der beiden gibt einen Schelling einen anfänglichen Aufschluss in einem Fragment aus dem Nachlass, wo er als "das Ziel aller Sehnsucht das vollkommen Leibliche als Abglanz des vollkommen Geistigen" benennt. Die dahinter stehende Problematik im neuzeitlichen Subjekt-Welt-Verhältnis ist die von Zufall und Zweckmäßigkeit, wie sie Reiner Wiehl in seiner Erörterung des Verhältnisses von Kant zu Spinoza herausarbeitet (Manfred Walter, Spinoza und der deutsche Idealismus, 1991, S. 15ff).

Wir haben bei Schelling eine erstmals philosophisch stringent ausgearbeitete Variante der Auffassung von der Mitwirkung des Menschen am Schöpfungswerk vor uns, wie sie in den Sintflut-Mythen bereits anklingt und dann im Christentum entfaltet wird durch die Mönchsbewegung des Mittelalters. Theoretisch fassbar wird diese Auffassung zunächst im Renaissancehumanismus. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz umreißt in "Die zweite Schöpfung der Welt" 1994 die Stellung des Menschen für die Renaissance wie folgt: Er sei "die Vollendung der unvollendeten Schöpfung und in erster Linie seiner selbst" (S. 51). Gerl-Falkovitz unterscheidet dabei nicht in die Konzepte "entwicklungsoffene Fortsetzung der Schöpfung", "Vollendung der Schöpfung" und "Zweite Schöpfung".

Bei Schelling (wie ähnlich auch bei Hegel) finden wir einen naturgeschichtlichen Abschlussgedanken formuliert, der uns heute - nicht zuletzt durch Darwin und seine Nachfolger belehrt - fremd ist. Doch vor seinem Hintergrund wird deutlich, auf welch dürftigem Reflexionsniveau das Vertrauen in technische Problemlösungen, das letztlich an kulturgeschichtlich geprägten Abschlusskonzepten wie denen des Deutschen Idealismus parasitiert, angesiedelt ist.
 

Martina Heßler, Kulturgeschichte der Technik, Campus 2012



Träume vom Friedensreich
Der Quäkerprediger und Kunstmaler Edward Hicks (1780-1849) gestaltete das Motiv des "Peaceable Kingdom" - mit Bezug auf das 11. und das 65. Kapitel des biblischen Buches Jesaja - zwischen 1816 und 1849 wiederholte Male. Erhalten sind 62 Varianten (wobei die Zuschreibung der ersten Realisierung von 1816/18, der erst 1822 weitere folgten, umstritten ist). Rechts Edward Hicks Peaceable Kingdomim Vordergrund ist stets Hicks Deutung von Jesaja 11,6-8 zu sehen, das friedliche Zusammenleben von Raubtieren und Weidetieren, mit einem oder mehreren Kindern. Dabei ist der Bezug zu Konflikten innerhalb der Quäkergemeinschaft/Society of Friends offenkundig. Die Raubtiere Wolf, Leopard, Bär und Löwe stehen für die vier Temperamente und für bestimmte Neigungen, die nach Hicks Auffassung das Zusammenleben der Quäker beeinträchtigten, insbesondere die Geldgier, die dem Bären (Phlegmatiker) zugeordnet wird von Hicks, auch in seinen überlieferten Vorträgen und Schriften. Geldverleih und Zinsgeschäfte betrachtete Hicks als die ernsthafteste innere Bedrohung des Quäkertums. Dies korrespondiert mit der existentiellen Bedeutung, die diese Bereiche für das Siedlungswesen hatten. Schon die Gründung Pennsylvanias verdankte sich einem Kapitalgeschäft der Familie Penn, und die Quäkerbewegung selbst war eng mit Kapitalgeschäften verbunden, so sind etwa Barclays, Lloyds und Friends Provident/Friends Life Quäker-Gründungen.

Im Hintergrund zeigt Hicks die Landschaft von Pennsylvania. Auf fast allen Bildern ist in dieser Landschaft eine Gruppe von Menschen zu sehen, zumeist in einer Darstellung des Vertragsabschlusses zwischen William Penn und den Delaware 1682/83. 1829/30, nach der Spaltung der Quäker in Pennsylvania 1827 in Hickianer (Hicksites - orientiert an Elias Hicks, Cousin des Malers, mit einer Betonung der eigenen inneren Christuserfahrung) und Orthodoxen (Schriftorientierung), malte Hicks einige Bilder mit einer Gruppe von Quäkern links im Mittelgrund auf dem bildhaft dargestellten "Weg zum Licht", mit einem Schriftband, auf welchem zentral "Peace on Earth" zu lesen ist. Wie er in seinen "Memoires of the life and religious labors of Edward Hicks" (publiziert 1851) ausführt, sah Hicks in William Penns Begründung von Pennsylvania das "golden age of the best government under heaven" angebrochen (Hicks 1851, S. 228).
 
Für die Quäker waren Indianer gleichberechtigte Menschen, nicht einem feindlichen Tierreich näherstehende Wilde, wie für den Großteil der europäischen Siedler. Grundsätzlich betrachteten die Quäker den "äußeren" Menschen als integrierten Teil des Tierreiches. Auch was den "inneren" Menschen, seine Verbindung mit Gott im "inneren Licht", betrifft, gab es unter den frühen, an Erfahrung und Empfinden orientierten Quäkern, verbreitet die Auffassung, dass ihn dies nicht wesentlich von Tieren unterscheide, dass auch Tiere mit dem "inneren Licht" begabt seien. Unterdrückerische Herrschaftsausübung war den frühen Quäkern grundsätzlich suspekt, dies galt auch für das Verhältnis Tieren gegenüber. "In general, the Society opposed oppression, including abuse of animals." (Weekley 1999, S. 64) Diese Haltung und Auffassung dürfte den Duktus der Hickschen Bilder vom "Peaceable Kingdom" mit geprägt haben.

Geboren wurde Edward Hicks im östlichen Pennsylvania. Seine Eltern waren Mitglieder der Anglikanischen Kirche. Im Glauben der Quäker wurde er von seiner Ziehmutter erzogen, nachdem seine Mutter früh verstorben war. 1803 trat Hicks der Quäker-Gemeinschaft bei, seinen Lebensunterhalt bestritt er als Kutschen-Maler und mit sonstiger Schmuck- und Gebrauchsmalerei. Ab 1812 gab er die Malerei weitgehend auf und reiste als Prediger im Auftrag der Gemeinschaft durch das Gebiet von Philadelphia, allerdings führten ihn finanzielle Probleme bald wieder zurück zur Malerei.

Hicks malte seine Bilder vom "Peaceable Kingdom" zu einer Zeit, als in den drei Seminolenkriegen (1817-1858) der letzte organisierte indianische Widerstand brutal (auch von Militärangehörigen kritisiert) gebrochen wurde und im "Trail of Tears" 1838 die indianischen Stämme des nordamerikanischen Südostens umgesiedelt wurden in unfruchtbare Reservate. Im gleichen Jahr 1838 wurden auch die Indianer des Nordostens, darunter die Delaware, umgesiedelt. Während Hicks die Pennsche Utopie in Bildern propagierte, schrieb Henriette Frölich im fernen Berlin ihren sozialutopischen Roman "Virginia oder die Kolonie von Kentucky" (1819). Darin reist die Heldin in eine Quäkerkolonie. "Ich stimme den meisten ihrer Grundsätze und Einrichtungen mit inniger Überzeugung bei, kann aber durchaus nicht begreifen, warum der Geist der Fröhlichkeit damit unvereinbar sein sollte." (Frölich 1963, S. 129) Das Thema der Auswanderung nach Amerika beschäftigt auch Goethes Wilhelm Meister, dem im Roman allerdings zugerufen wird "Hier oder nirgends ist Amerika".

Abbildung: Edward Hicks, Peaceable Kingdom, 1826, Ausschnitt - ein Klick führt zum ganzen Bild
Lektüreempfehlung: Carolyn J. Weekley, The Kingdoms of Edward Hicks. New York: Abrams, 1999




Der Natur helfen auf ihrem Weg - die Rheinbegradigung durch Tulla
 
Johann Gottfried Tullas Vater war Pfarrer, bei Tullas Geburt 1770 in Nöttingen (heute Ortsteil von Remchingen), später in Grötzingen, dann in Britzingen und schließlich in Rüppurr. Der Vater war offenkundig über seinen Pfarrdienst hinaus interessiert und engagiert. Er verfasste eine religionspädagogische Handreichung, eine Geschichte des markgräflichen Hauses Baden-Durlach sowie eine geographische Datensammlung Württembergs. Etwa zeitgleich entwickelten Theologiestudenten am Tübinger Stift den Idealismus Kants weiter, unter ihnen zwei Jahrgangsgenossen Tullas, Friedrich Hölderlin und Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Von Tullas Vater war zunächst vorgesehen, dass auch Johann Gottfried Pastor werde - dessen außergewöhnlichen Schulleistungen in Mathematik und in den naturwissenschaftlichen Fächern bahnten dann aber einen anderen Bildungsweg, sonst hätten wir ihn vielleicht auch am Tübinger Stift gesehen. Während seiner Ausbildung verfehlte Tulla dann um eineinhalb Jahre die Begegnung mit dem Dichter und Philosophen Novalis (Friedrich von Hardenberg) in Freiberg, wo Tulla im Wintersemester 1794/95 und im Wintersemester 1795/96 Vorlesungen in Chemie und Mineralogie belegte. Novalis studierte an der Bergakademie Rheinbegradigung durch
                          Tulla Freiberg ab dem Wintersemester 1797/98 Bergwesen, Chemie und Mathematik.

63 Jahre nach Voltaires "Il faut cultiver notre jardin" am Ende seines Schelmenromans "Candide" und 128 Jahre vor Stalins Großem Plan schreibt Tulla 1822 in seiner Denkschrift zur Rheinregulierung gleich zu Beginn den bemerkenswerten Satz "Es ist ein Gesetz der Natur, daß die Felsen verwittern, die steilen Abhänge sich verflächen und sanfter werden, die Land-Seen und Thalgründe ausgefüllt, die horizontalen Ebenen in abhängige Neigung gebracht und die Erdtheile und vegetabilischen Theile von den Höhen den tiefern Gegenden zugeführt und dadurch die Fruchtbarkeit immer erneuert werde." (Tulla 1822, S. 2) Landschaft als sanfter Garten, in harmonischer Gestaltung, erscheint so als eigentliches Ziel des Naturprozesses, das vom Wasserbauingenieur zu unterstützen sei durch "Rectificirung", Berichtigung - eine Position, die theoretisch-philosophisch im Deutschen Idealismus ausformuliert wurde mit der Aufhebung von Natur in Geist, insbesondere bei Hegel und Schelling. Tulla formuliert dieses Prinzip einmal sehr prägnant als "der Natur nachhelfend, durch Kunst" (Tulla 1822, S. 15).

Allerdings ist der Lobpreis einer gezähmten Natur weit älter. Das Christentum entwickelte insbesondere im benediktinischen und später im zisterziensischen Mönchstum die Vorstellung, der Mensch habe die Schöpfung zu entwickeln durch die Urbarmachung von Wildnis, konkret auch durch die Nutzung der Wasserkraft. So schildert die "Descriptio positionis seu sitationis monasterii Clarae-Vallensis" vom Beginn des 13. Jahrhunderts die Nutzung der Aube unter gleichsam bereitwilliger Mitwirkung des Flusses, "er bietet stets seine Hilfe an und verweigert sie nie. Zuletzt, um vollen Dank zu ernten und nichts ungetan zu lassen, trägt er den Abfall fort und lässt alles sauber zurück".

Das oft zitierte Ende von Voltaires "Candide" gilt als prägnanter Ausdruck für den Rückzug seiner Helden aus einer Welt von Gewalt, Egoismus und Niedertracht in die Überschaubarkeit und Harmonie eines tätigen Daseins im privaten Bereich. Etwa zeitgleich mit der Abfassung des "Candide" zog Voltaire selbst sich zurück auf seine Landgüter bei Genf und widmete sich dort dem Gartenbau und der Landwirtschaft - schrieb allerdings auch weiterhin literarische, philosophische und historische Texte, empfing Besucher aus der ganzen Welt, korrespondierte und mischte sich unermüdlich politisch ein. Stalins "Plan zur Umgestaltung der Natur/Plan preobrasowanija prirody" will die gesamte Landschaft den Prinzipien des Gartenbaus unterwerfen. Der "Candide" als Dokument eines schier rousseauistisch (bei aller Feindschaft, die Voltaire dem leibhaftigen Rousseau und seinen Theorien entgegenbrachte) anmutenden Rückzugs in den eigenen Garten, Stalins Großer Plan als Programm der Verwandlung eines ganzen Landes nach dem Modell des Nutzgartens, mit gleichmäßigen Parcellen, schützenden Wald-Hecken und geregelter Bewässerung: Sie haben in Tullas Denkschrift ihre Bindefuge.

Tulla bietet zunächst bemerkenswerte Aussagen zum Verhältnis Landschaft-Klima, die erhellen, wie intensiv das 19. Jahrhundert sich mit Klimafragen beschäftigte. So schreibt er: "Die Gebirge und die Ebenen, die Waldungen, die Quellen, Bäche, Flüsse, Ströme und Seen, die Sümpfe und die Steppen, modificiren das Clima, und es kann dieses in ein und dem selben Land wärmer und trockener, oder kälter und feuchter werden, nach der Verschiedenheit der Cultivirung." (Tulla 1822, S. 1) "Eine zu große Verminderung der Waldungen im Ganzen, oder auch nur in einzelnen Distrikten, wird und muß immer nachtheilige Folgen für das Clima und die Fruchtbarkeit haben." (Tulla 1822, S. 3f) Nicht ganz 50 Jahre später warnt Victor Hehn: "Man überschätze auch nicht den Einfluß der Wälder auf das Klima" (Victor Hehn, "Kulturpflanzen und Hausthiere", 1870, S. 6).

Mit Nachdruck verweist Tulla auch auf die Funktion von Überschwemmungen (die sein Begradigungswerk künftig gerade verhindern sollte) für die Fruchtbarkeit eines Landes (Tulla 1822, S. 2). Ausführlich beschreibt er die Funktion der Wälder an Flüssen und Bächen für den Schutz gegen Erosion und Hochwasser (Tulla 1822, S. 3) So lesen sich die ersten Seiten der Tullaschen Denkschrift geradzu wie ein Plädoyer dafür, den Fluß und seine Auwälder weitgehend zu erhalten im Bestand. Eingriffe sollten nicht nur die Schiffbarkeit und die Entwässerung berücksichtigen, sondern, in heutigen Worten gesprochen, die nachhaltige Entwicklung einer Region fördern: "Eine planmäßige Forstkultur und Entwässerungs- und Bewässerungs-Einrichtung (...) sind die Grundlagen zur Erhaltung der Fruchtbarkeit eines Landes." (Tulla 1822, S. 4) Dies wird noch konkretisiert, insbesondere mit einer klaren Absage an den Privatbesitz von Gewässern und Ufern. Dann kommt Tulla zum entscheidenden Satz seiner Denkschrift, der in seinem ersten Teilsatz (zur umfassenden Kanalisation der Fließgewässer) aus seinen vorangegangenen Ausführungen keineswegs abzuleiten ist: "In der Regel sollten in kultivierten Ländern, die Bäche, Flüsse und Ströme, - Kanäle - seyn, und die Leitung der Gewässer in der Gewalt der Bewohner stehen" - wobei er mit "Bewohner" die Öffentlichkeit meint, den Privatbesitz von Gewässern lehnt er ab (Tulla 1822, S. 7). Insbesondere die Kanalisation und Umleitung von Bächen und Flüssen zum Betrieb von Maschinen im Privatbesitz hält Tulla für schädlich (Tulla 1822, S. 6f). Er empfiehlt statt dessen den Einsatz von "Wind, Feuer und durch thierische Kräfte" (Tulla 1822, S. 6). Das mutet wie eine frühe Blaupause für Stalins Plan zur Umgestaltung der Natur an und ist in seiner Bedeutung nur angemessen zu erfassen vor dem Hintergrund der Zeit. Napoleons Code civil hatte 1804 das Privateigentum an Gewässern geregelt - das nach römischem Recht weitgehend ausgeschlossen war.

In seinen Ausführungen zur Rheinbegradigung selbst erklärt Tulla dann, dass es Fehler im bisherigen Flussbettmanagement seien, Fehler im Anlegen der Dämme (mit der Folge einer Anhebung des Flussbettes und eines Absinkens des Hinterlandes) sowie im Anlegen von Siedlungen und Äckern (nämlich zu nahe am Fluss), die ihn nun zwängen, die Rheinkorrektur brachial auszuführen: "so bleibt nur ein wirksames Mittel übrig, die früheren Fehler zu verbessern und die nach und nach entstandenen Übel zu beseitigen, nemlich die möglichst gerade Leitung des Flusses, die Abschneidung seiner Nebenarme, die Demolirung der schädlichen Dämme u.s.w. also die Rectificirung des Flusses." (Tulla 1822, S. 40). Hier spricht nicht nur der Ingenieur, sondern auch der Aufklärer Tulla. Und mit Nachdruck kritisiert er die Missachtung natürlicher Prozesse bei Flusskorrekturen der Vergangenheit: "Die Nichtbeachtung dieser der Natur selbst abgewonnenen Maaßregeln, hat immer früher oder später traurige Folgen für die Uferbewohner" (Tulla 1822, S. 42). Tulla war keineswegs der bornierte Technokrat, als der er heute bisweilen dargestellt wird. Und nicht nur die technikbegeisterten Anhänger Tullas, auch seine naturliebenden Kritiker könnten von ihm lernen, was ein kooperativer Umgang mit der natürlichen Umwelt zu beachten hat. 

Lektüreempfehlung: Johann Gottfried Tulla, Der Rhein von Basel bis Mannheim mit Begründung der Nothwendigkeit, diesen Strom zu regulieren. Denkschrift, Karlsruhe 1822



Stalins Projekte

Um eine differenzierte Darstellung der Umweltpolitik in der Sowjetunion haben sich die US-amerikanischen Forscher Douglas Weiner und Stephen Brain verdient gemacht. Weiner widmete sich dabei vor allem der Arbeit der Naturschutzverbände und den Widerständen, die ihnen von Verwaltungsseite begegneten, Brain untersuchte die staatliche Umweltpolitik am prägnanten Beispiel der Forstpolitik.

Forstpolitik und Umweltpolitik waren bereits im zaristischen Russland weitgehend identisch, insofern der zaristische Patriotismus den Wald zur Essenz der russischen Beheimatung erklärte - unabhängig vom partiellen Ausverkauf des Waldes für die Entwicklung des Landes und die Privatinteressen der Regierenden seit Peter dem Großen (der allerdings auch Aufforstungen und Waldschutz förderte), für die Schatullen des verarmenden Adels im 19. Jahrhundert und zur Kapitalakkumulation des erstarkenden Bürgertums um die Jahrtausendwende.

Vier praktische Funktionen wurden dem russischen Wald zugesprochen, und zwar bereits zum Ende des 19. Jahrhunderts, verstärkt nach den Dürren mit folgenden Hungersnöten um 1900 und den katastrophalen Überschwemmungen in Moskau Anfang des 20. Jahrhunderts: Regulierung des Wasserhaushaltes für den Boden, Erosionsschutz, Hochwasserschutz, Klimaverbesserung. Dazu kam die symbolische Funktion der Identitätsstiftung für die russische Gesellschaft gegenüber den asiatischen Nachbarn und dem industriell vorangetriebenen europäischen Modernismus. Mythen und Märchen, Volkslieder und Bräuche haben diese Funktion gestützt. "In the first decades of the twentieth century, forest specialists devised theories inspired by the idea that the forest embodied Old Russia, and in the Soviet period, these concepts did not vanish, but instead survived, evolved, and in some ways thrived." (Brain 2011, S. 8). Insbesondere die Arbeit von Georgij Fjodorowitsch Morosow (1866-1920) übersetzte die patriotische Funktion, aber auch die praktischen Funktionen in ein Forstkonzept, dessen ausdrückliches Ziel der Erhalt bzw. die Rekonstruktion jeweils standorttypischer Wälder war - mit einer entschiedenen Abkehr vom Kahlschlag mit nachfolgender Nadelforstpflanzung. Seine Auffassungen verbreitete Morosow als Professor für Forstwirtschaft in Petersburg ab 1901 und als Herausgeber des "Lesnoj Schurnal" 1904-1919. Nach seinen Überzeugungen, 1917 vorgetragen auf der Allrussischen Konferenz der Förster und Forsttechniker in Petrograd, konnte auch nur der Staat als Waldbesitzer Garant einer entsprechenden Forstwirtschaft im allgemeinen gesellschaftlichen Interesse sein.

"The Russian cultural ecosystem continued to support ideas about the central role that forests play in healthy landscapes, regardless of ephemeral political shifts and even the upheaval of Stalin's Great Break." (Brain 2011, S. 169) Morosows Ansätze wurden unter Stalin wesentlicher Bestandteil der Forstpolitik, insbesondere für die Wälder westlich des Ural. Brain kommt gar zu folgendem Schluss: "The Soviet appropriation of Morozov's theories led to the creation of a unique, distinctly Soviet form of environmentalism, herein called Stalinist environmentalism." (Brain 2011, S. 169) Dass auch dieser "environmentalism" verbunden war mit massenhaften Deportationen, todbringenden Arbeits- und Straflagern steht außer Frage.Stalins
                          Großer Plan zur Umgestaltung der Natur -
                          Propagandaposter

Die Sowjetunion hatte vom Zarismus ein riesiges Reich übernommen, dessen Landwirtschaft unter anderem - je nach Region in unterschiedlichem Maße - an Dürren, Versumpfungen und Bodenerosion litt, die großteils durch die massiven Abholzungen verursacht oder zumindest verstärkt wurden. Insbesondere die Dürren sind ein noch immer existierendes Problem: Im Gebiet Wolgograd vertrockneten 2007 insgesamt 700.000 Hektar Sommergetreide, 2010 reduzierte die extreme Sommerhitze die Landwirtschaftsproduktion um 10%. Befürchtet wurde im Zarismus wie in der Sowjetzeit auch eine Ausbreitung der Steppe von Südosten her. Die forcierte nachholende sowjetische Industrialisierung und Verstädterung erforderte zudem eine erhebliche Effizienzsteigerung in der Lebensmittelversorgung. Dazu kam der auch zur Herrschaftslegitimation den südlichen Regionen gegenüber formulierte Anspruch, "Wüsten in blühende Landschaften zu verwandeln" (wusste Helmut Kohl, wen er zitiert?). Eine wesentliche Rolle bei der Bewältigung dieser Aufgaben sollte Aufforstung spielen.

Stalins "Plan zur Umgestaltung der Natur"
("Plan preobrasowanija prirody" - abgeleitet von "obrasowanie", "Bildung", "Ausbildung", "Entstehung"), bekannt auch als "Großer Plan", wird heute vorwiegend verbunden mit der Umleitung der sibirischen Flüsse Ob und Jenissej, die ins nördliche Eismeer münden, nach Süden - mit Anlegung eines gigantischen Stausees von der siebenfachen Fläche der Schweiz und Überwindung der Wasserscheide bei Turgai. Dazu kam ein Teil westlich des Ural, der von der Propaganda stärker in den Vordergrund gerückt wurde und dessen Realisierung wahrscheinlicher schien, zur Bewässerung und Aufforstung der Südregionen des russischen Kernlandes. Das Projekt (heute gehandelt als typisches Beispiel sowjetischer Hybris) wurde in wesentlichen Elementen bereits 1871 erstmals skizziert (Jakiw Grigorowitsch Demtschenko, O nawodenii Aralo-Kaspijskoj nismennosti dlja ulutschenija klimata prileschaschtschich stran, Kiew 1871), im Zarismus immer wieder einmal thematisiert und unter Stalin ab 1940 von Mitrofan Michailowitsch Dawydow als Plan entwickelt, 1950 vom Ministerrat der UdSSR verabschiedet und 1986 unter Gorbatschow offiziell aufgegeben.

Anders als Propagandaplakate der Zeit nahelegen, die vor allem landwirtschaftliche Flächen in gleichmäßigen Rechtecken zeigen, stand hinter dem Plan auch ein gigantisches Aufforstungsprogramm. Sowohl die Flüsse als auch die landwirtschaftlichen Flächen sollten von Waldstreifen flankiert sein, gegen Erosion, Grundwasserabsenkung und Versumpfung. Insgesamt sollten 6 Millionen Hektar Wald neu angelegt werden. Brain nennt den Großen Plan daher "the world's first explicit attempt to reverse human-induced climate change" (Brain 2011, S. 140) - nicht ganz klar ist allerdings, wieviel bestehender Wald Stalins Projekt zum Opfer gefallen wäre. Zudem hätte die Umsetzung des Planes in weit massiverer Weise unkalkulierbar in Klimaregulationen eingegriffen als dies die Waldrodungen der Vergangenheit taten. Stalins Aufforstungs- und Waldschutzprogramme wurden allesamt nach seinem Tod weitgehend aufgegeben. In der Forstwirtschaft setzten sich schon vor Stalins Tod die Ideen des Agrarökonomen und Lamarckisten Trofim Denisowitsch Lysenko durch, der Morosows Ansätze als "romantisch", "bürgerlich" und "anti-sowjetisch" deklarierte - und der von Stalin im Landwirtschaftsbereich schon ab 1935 massiv unterstützt worden war, nicht zuletzt weil seine Theorien Planerfüllung versprachen und der sowjetischen Programmatik zur Gestaltung von Mensch und Umwelt ein wissenschaftliches Fundament zu geben schienen.

Lektüreempfehlung: Stephen Brain, Song of the Forest. Russian Forestry and Stalinist Environmentalism 1905-1953, University of Pitsburgh Press 2011



Land-Art

Gestaltung von Landschaft betreibt die Menschheit von Anbeginn, prägnant wird sie mit den ersten in Felsen gehauenen Siedlungen oder Rodungen für Ackerflächen, ihre späten Stufen kennen wir als "Geoengineering" - ein Begriff, der erstaunlicherweise fast nur noch synonym mit "Climate Engineering" verwendet wird. Dabei ging es um den pragmatischen Nutzen, nicht um Kunst. Mit der Errichtung von Kultstätten, Grabhügeln und ähnlichem wird jedoch schon früh die Grenze zur Kunst tangiert.

Was heute als "Land-Art" bezeichnet wird, entstand in den 60er Jahren - und sicherlich nicht nur zufällig zeitgleich mit der Hippie-Bewegung und ihren Landkommunen, mit dem Aufkommen der Ökologiebewegung und der Sensibilität für die Interaktion Mensch-Natur. Der britische Konzeptkünstler Keith Arnatt gräbt sich 1969 in die Erde ein und setzt 1970 in Aachen-Monschau virtuell einen Kackhaufen zur Freiluftausstellung "Umwelt-Akzente" ab. Wie weit seine Aktionen legitim als Land-Art bezeichnet werden können, ist so strittig wie der exakte Begriff von Land-Art. Der einzige erkennbare gemeinsame Nenner ist, dass der Produktionsprozess draußen in der - mehr oder weniger - freien Landschaft/Natur stattfindet und Landschaft/Natur einbezieht und dass die substantielle Basis des Produktes draußen verbleibt (in der Regel werden jedoch Dokumentationen erstellt, die dem Kunstmarkt zugänglich sind).

Arnatt steht für die Verbindung von Land-Art mit Konzeptkunst und damit für die Thematisierung der künstlerischen Subjektivität. Am anderen Pol finden wir den Briten Andy Goldsworthy, der die Naturmaterialien und Naturprozesse selbst (auch Sukzession und Verfall) in den Mittelpunkt seines künstlerischen Interesses stellt. Für ihn sind Landschaft und Naturmaterialien per se Kunstwerke, die er ins Bewußtsein heben möchte. Dabei ist Hintergrundthema immer auch Zeit als entscheidende Dimension aller Natur-Kunst-Prozesse. Einem breiteren Publikum bekannt ist seine Arbeit durch den Film "'Rivers and Tides" von Thomas Riedelsheimer, 2001. Riedesheimer begleitete die Arbeit Goldworthys in vier Ländern über alle vier Jahreszeiten.

Einen dritten Ansatz vertritt Christo (Christo Wladimirow Jawaschew, geboren 1935 in Bulgarien), der zusammen mit seiner Frau Jeanne-Claude (1935-2009) nicht nur Gebäude einpackte, sondern auch Teile von Landschaften und Gewässern besonders markierte durch Verhüllung. Bei Christo und Jeanne-Claude wird unsere Art und Weise, Landschaft zu sehen und für das Sehen zu gestalten, wird Natur als Teil der Kulturgeschichte thematisch.


Gaia-Hypothese
In den 60er und 70er Jahren entwickelten die Mikrobiologin Lynn Margulis und der Biophysiker James Ephraim Lovelock die Gaia-Hypothese, wonach unser Planet sinnvoll als ein komplexes einheitliches sich selbst regulierendes System verstanden werden könne. Eine Annahme, die inzwischen weitgehend Grundlage der Klimaforschung ist. Den Anfang machte Lovelock, der Ende der 1960er Jahre aus seinen Arbeiten mit Dian R. Hitchcock (1967) und C. E. Giffen (1969) zur "atmospheric homeostasis" (dynamische Konstanz der Gaszusammensetzung in der Erdatmosphäre mit ca. 21% Sauerstoff) die Auffassung ableitete, die Erde könne als lebender Organismus aufgefasst werden. Den Begriff "Gaia" verwendete er dafür erstmals in einem Beitrag für "Atmospheric Environment" (6) 1972 mit dem Titel "Gaia as Seen Through the Atmosphere". Im Februar 1975 veröffentlichte Lovelock gemeinsam mit Sidney Epton in "New Scientist" den Beitrag "The quest for Gaia", der die Frage stellte, ob die sichtbaren, erfahrbaren Elemente unseres Planeten "part of a giant system which could be seen as a single organism" seien. Rückblickend schrieb Lovelock 1989 in "Reviews of Geophysics" unter dem Titel "Geophysiology, the science of Gaia": "To me it was obvious that the Earth was alive in the sense that it was a self-organizing and self-regulating system."

Margulis wurde wissenschaftlich vor allem bedeutsam durch ihre 1967 erstmals publizierte Hypothese, dass die nukleinsäurehaltigen Organellen der Zellen ursprünglich eingewanderte Bakterien gewesen seien. Davon ausgehend betonte Margulis in ihrer weiteren Arbeit im Kontrast zur Konkurrenzbetonung im Darwinismus den Aspekt der Kooperation von Organismen in der Evolution, wobei auch der Mensch nur Mitspieler einer gewaltigen, planetenumspannenden intrazellularen Symbiose sei. Anfang der 70er Jahre traf sie sich auf Empfehlung von Freunden mit Lovelock. 1974 veröffentlichten Margulis und Lovelock gemeinsam die Beiträge "Biological Modulation of the Earth's Atmosphere" in "Icarus" 21/1974 (eingereicht August 1973) und "Atmospheric Homeostasis by and for the Biosphere: The Gaia Hypothesis" in "Tellus" 26/1974, in denen sie die Gaia-Hypothese ausformulierten.

Anfang der 80er Jahre entwickelte Lovelock mit Andrew Watson das Daisyworld-Modell, die Computersimulation eines fiktiven Planeten mit schlichter Biosphäre aus zwei Gänseblümchen-Arten (weiße und schwarze), die von der Temperatur auf ihrem Planeten abhängig sind und diese zugleich stabilisieren, veröffentlicht in "Tellus" 4/1983 unter dem Titel "Biological homeostasis of the global environment: the parable of Daisyworld". Anliegen war auch, die Gaia-Hypothese plausibel zu machen. 1995 veröffentlichte Lovelock mit dem Geophysiker und Klimaforscher Lee R. Kump den Beitrag "The Geophysiology of Climate" in "Future Climates of the World", basierend auf Einsichten aus dem Daisyworld-Modell.

1995 erschien der Essay "Gaia is a Tough Bitch" von Margulis im spektakulären Sammelband "The Third Culture", den der Journalist John Brockman veröffentlichte (dt. 1996, "Die dritte Kultur. Das Weltbild der modernen Naturwissenschaft"). Darin macht sie klar, dass "Gaia" den Menschen nicht zu ihrem Erhalt benötige. "Gaia ist ein zähes Weibsstück ("a tough bitch") - ein System, das über drei Milliarden Jahre lang ohne Menschen funktioniert hat. Die Oberfläche unseres Planeten, seine Atmosphäre und seine Umwelt werden auch dann noch weiter die Evolution durchlaufen, wenn Menschen und Vorurteile längst verschwunden sind." (Brockman 1996, S. 194)

Margulis distanziert sich in diesem Essay auch deutlich von Lovelocks personalisierender Gaia-Konzeption: "In Lovelocks Augen ist die ganze Welt ein Lebewesen. Ich bin mit dieser Formulierung nicht einverstanden. Kein Lebewesen frißt seine eigenen Abfälle. Ich bezeichne die Erde lieber als großes, zusammenhängendes Ökosystem, das aus vielen kleineren Ökosystemen zusammengesetzt ist. Lovelock möchte die Menschen glauben machen, die Erde sei ein Lebewesen, denn wenn sie darin nur einen Haufen Steine sehen, dann treten sie mit den Füßen darauf, mißachten und mißhandeln sie. Wer die Erde als Organismus sieht, wird sie in der Regel mit mehr Respekt behandeln. Für mich ist es eine hilfreiche Umschreibung, keine Wissenschaft. Dennoch bin ich mit Lovelock der Ansicht, daß das meiste, was Wissenschaftler tun, auch keine Wissenschaft ist. Außerdem ist mir völlig klar, daß er mit seinem Standpunkt die Idee von Gaia weit wirksamer vermitteln kann als ich." (Brockman 1996, S. 194)
 
In einem Beitrag der New York Times vom 14. Januar 1996, "Attack of the Microbiologists", wird Margulis wie folgt zitiert: "People think the earth is going to die and they have to save it. That's ridiculous. (...) There's no doubt that Gaia can compensate for our output of greenhouse gases, but the environment that's left will not be happy for any people." Lovelock vertrat lange auch diese Auffassung und warnte mit katastrophischen Bildern vor der Erderwärmung durch menschliches Handeln. 2012 korrigiert er seine Prognosen zur Erderwärmung. Er vertritt nunmehr die Auffassung, Gaia werde dafür sorgen, dass die Überlebensbedingungen für den Menschen erhalten bleiben. Ganz unverblümt vertritt er in "A Rough Ride to the Future" 2014 die tradierte christlich-jüdische Konzeption der Auserwähltheit des Menschen als Krönung der Schöpfung. Als Motto seines Buches wählt er einen Satz von Daniel Dennett, wonach der Mensch das Nervensystem des Planeten sei. Im Innern des Buches propagiert er die Atomenergie als Lösung der Erderwärmungs-Problematik.

Der Mediziner, Physiker und Psychophysiker Gustav Theodor Fechner hatte bereits 100 Jahre vor Lovelock und weit differenzierter als dieser die Frage gestellt, "ob nicht die ganze Welt über den Menschen hinaus ein psychophysisches System ist, auf welches die am menschlichen System bewährten Gesetze Anwendung finden" könnten (Kuntze 1892, S. 305). Und nochmal 50 Jahre zurück hatten Kant, Fichte, Hegel und Schelling sich mit Selbstorganisation im Bereich des Organischen oder gar im gesamten Naturprozess intensivst beschäftigt - teils in harscher Abgrenzung zu vorangegangen naturmythischen Spekulationen, teilweise im Bemühen, deren Gehalt aufgeklärt zu bewahren. Von all diesen Ansätzen unterscheidet sich der von Lovelock und Margulis substantiell durch die entschiedene Abkehr von einer anthropozentrischen Perspektive. Am ehesten im Konzept der Weltseele Schellings, im westlichen Denken zurückverfolgbar bis Platon, wird dies schon strukturell angedacht - und von Fichte scharf kritisiert: "Man spricht so oft von einer Weltseele: Ja freilich giebt es eine solche, eine Naturseele. Nur glaube man darum nicht, daß es zwei Seelen gebe, sondern die Seele, die da ist, die des Ich, des Menschen selbst, ist die Weltseele." (Fichte, Von den Thatsachen des Bewußtseyns, 1811)


Lektüreempfehlung: John Brockman, Die dritte Kultur. Das Weltbild der modernen Naturwissenschaft, Wilhelm Goldmann Verlag 1996




Paradise Engineering
Der utilitaristische Philosoph und Futurologe David Pearce wurde bekannt als Mitbegründer der "World Transhumanist Association", seit 2008 "Humanity+". In einem Videostatement nennt er als distinktives Merkmal der transhumanistischen Bewegung "this commitment to transcending our biological limitations via technology". Auf seiner Website will er zeigen, "how biotechnology will eradicate suffering in all sentient life". Der Zeithorizont ist dabei sehr großzügig gewählt. In etwa 1000 Jahren, so skizziert er in einem Vortrag 2008 ("The Reproductive Revolution"), sei die Menschheit gentechnologisch so weit entwickelt, dass es weder Leid noch Tod gebe, nur immerwährendes Glücklichsein: "Suffering of any kind will be biologically impossible."

Pearce sieht die Menschheit in der Pflicht, zunächst im eigenen Verhalten, durch eine strikt vegane Lebensweise, Leiden für die Tierwelt zu vermeiden. Darüber hinaus aber sei die Menschheit ethisch auch verpflichtet, neben der Abschaffung des Leidens für die Menschheit auch das Leiden in der fühlenden Tierwelt zu beenden durch "Paradise Engineering".

In "Compassionate Biology" führt Pearce aus, wie schon zum Ende dieses Jahrhunderts ein "High-tech Jainism" für die fühlende, sich sexuell reproduzierende Tierwelt Leiden drastisch reduzieren könne, zu geringen Kosten. Pro Spezies rechnet er mit gerade einmal 10.000 Dollar um eine entsprechende genetische Veränderung einzuschleußen in das Genom. Diese Veränderung könne z.B. eine signifikant erhöhte Schmerztoleranz bewirken. Weitere Eingriffe sollen langfristig aus Beutegreifern Vegetarier machen, davor könnten sie mit Kunstfleisch ernährt werden.

Pearce betreibt u.a. die Website "www.paradise-engineering.com", die sein Manifest von 1995, "The Hedonistic Imperative. Heaven on Earth?" präsentiert. Am Beginn von "The Molecular Biology of Paradise", einer Bilderstrecke zum Text des Manifestes, tritt der utilitaristische Theologe, Physiker und Chemiker Joseph Priestley auf mit seinem Diktum "Whatever was the beginning of this world, the end will be glorious and paradisical, beyond what our imagination can conceive". Damit schließt Pearce sich dem eschatologischen religiösen Diskurs an. Im Kapitel "Reprogramming Predators" wird entsprechend, auf Englisch, Jesaja 11:6 zitiert, "And the wolf shall dwell with the lamb ...".

Inzwischen wird das Konzept auch gelegentlich in den Auseinandersetzungen zwischen PETA und Jägerschaft zitiert.